Arbeitszeit – Familienzeit – Lebenszeit

Ausgabe: 2005 | 4

Die hier versammelten Beiträge zum Wandel von Zeitstrukturen und zur Herausbildung neuer Konfigurationen von Arbeits-, Familien- und Lebenszeit gehen mehrheitlich auf eine Ringvorlesung an der Universität Bielefeld zurück. Besonders Augenmerk lag dabei auf einer interdisziplinären Betrachtungsweise. Das Interesse gilt aber auch den gesellschaftlichen AkteurInnen, die da und dort an der Schnittstelle zwischen Erwerbsarbeit und privatem Lebensbereich beteiligt sind. Geht es zum einen um die Erosion bestehender Strukturen (um das Verschwinden bisheriger Balancen), so wird zum anderen auch nach neuen Möglichkeiten zwischen Erwerbsarbeit und „Privatem“ gesucht. Nicht zuletzt erhebt dabei Frage nach gesellschaftlichen und politischen Gestaltungsmöglichkeiten.

 

Fest steht, und darauf weist der Beitrag „Chancen und Risiken neuer Konstellationen zwischen Familien und Erwerbstätigkeit“ explizit hin, dass die „Herstellung eines gelingenden Familienalltags ... zu einer zunehmend komplexen und störungsanfälligen Leistung“ wird (S. 9). Eine weitergehende Flexibilisierung von Arbeitszeit für das Familienleben bewertet beispielsweise Kerstin Jürgens eher kritisch und betont dabei die Bedeutung von verlässlichen und verbindlichen Arbeitszeitregelungen. Annette Henninger erörtert, wie Alleinselbständige in ausgewählten Kultur- und Medienberufen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben gestalten, und ob sich mit der Entgrenzung von Arbeit und Leben auch die Geschlechterarrangements ändern. Wie sich der Wandel gesellschaftlicher Zeitbedingungen auf Kinder und ihre Lebensverhältnisse auswirkt, ist Thema bei Helga Zeiher, die eindrucksvoll zeigt, dass die Erwartung an das „robuste Kind“ zunehmend an Bedeutung gewinnt.

 

Im Beitrag „Veränderte Familienzeiten – Neue Balancen zwischen Männern und Frauen?“ wird Familienzeit als Versorgungszeit beschrieben. Meier-Gräwe/Zander präsentieren das Ergebnis empirischer Untersuchungen (Zeitbgudgeterhebungen), nach denen sich die Deutschen in den Jahren 2001/02 mehr Zeit für das tägliche Essen zu Hause nehmen als zehn Jahre zuvor. Norbert F. Schneider konstatiert in „Leben an zwei Orten“ ein Spannungsverhältnis zwischen wachsenden Mobilitätsanforderungen und einer eher sinkenden Bereitschaft zur Mobilität. Weitere Themen handeln von „Wegezeiten“, „Work-Life-Balance“ und „neuer Selbständigkeit“.

 

Aktuelle Tendenzen zur Verlängerung der Arbeitszeit beschäftigen Jürgen P. Rinderspacher. Für ihn zeichnet sich eine langfristige Entwicklung ab, wonach die Arbeitszeit als Maßstab der Leistungsmessung wie als Regulierungsmechanismus zum Schutz der Beschäftigten an Bedeutung verliert und zeitunabhängige Formen der Leistungsregulierung wichtiger werden. Schließlich geht Ulrich Mückenberger auf Ziele, Anwendungsfelder und Instrumente einer lokalen Zeitpolitik ein. Beachtenswert sind seine Überlegungen zum Recht auf eigene Zeit als normativer Rahmen für eine zukünftige Zeitpolitik. Dazu gehört, „dass der individuelle oder kollektive Zeitgebrauch nicht fremdbestimmt oder systematisch entwertet wird oder mit Diskriminierung einhergeht. Vielmehr müssten die Möglichkeit zu einem selbst gewählten kulturellen Eigenwert gesichert und Spielräume gemeinsamer Zeit für Tätigkeiten und Erfahrungen gewährleistet sein. A. A.

 

Arbeitszeit – Familienzeit – Lebenszeit: Verlieren wir die Balance? Hrsg. v. Anina Mischau ...Wiesbaden: VS Verl. F. Sozialwissenschaften, 2005. 221 S. (Zeitschrift für Familienforschung; Sonderheft 5) € 24,90 [D], 26,60 [A], sFr 41,60

 

ISBN 3-8100-4167-Xß