Matthias Horx hat sich – von medialer Aufmerksamkeit begleitet – dem Kampf gegen die „kollektive Depression“ verschrieben, an der – so stellt er unermüdlich fest – vor allem seine deutschen Landsleute [trotz wirtschaftlichen Aufschwungs] hartnäckig leiden. Während er an seiner österreichischen Wahlheimat die Gelassenheit und pragmatische Problemlösungskompetenz zu schätzen und zu würdigen weiß – vgl. dazu PZ 2006/4, Nr. 123 – stilisiert er sich nun, von wenigen aufrechten Weggefährten begleitet, zum einsamen Streiter gegen „das Imperium der Angst“. Bedient von den „Auguren der Apokalypse“ – Medien, Intellektuellen, populistischer Wissenschaft und „alarmistischen Gurus“ – habe sich „ein kulturgebundener Reflex auf Bedrohungen“ entwickelt und „sich zu einer gewaltigen Industrie“ verselbständigt (S. 25). Nun wäre es gewiss lohnend, und im Sinne des von Horx als Therapie empfohlenen „skeptischen Optimismus“ auch nahe liegend, diesen Befund einer sachlichen und soliden Prüfung zu hinterziehen. Denn von der „Brandmacht der Bilder“ und den plump dreisten Metaphern des bevorstehenden Weltuntergangs lebt – hier ist dem Autor zuzustimmen – das „angstproduzierende Gewerbe“ und vernebelt damit den wachen, kritischen und hoffnungsfrohen Blick auf nicht nur denkbare und wünschenswerte, sondern auch gestaltbare Zukünfte jenseits des prophezeiten Niedergangs.

 

Allein: Differenzierung und nüchterne Abwägung von Risken und Chancen, das also, was wissenschaftlich fundierte Zukunftsforschung zu leisten hätte, ist Matthias Horx’ Anliegen [an dieser Stelle] nicht. Informativ und kenntnisreich skizziert der Autor zwar die „Psychologie des Alarmismus“, etwa wenn er von der „Sehnsucht nach Verschwörung“, der „Magie der Zahlen“, „phonetischen Brands“ [deren auch er sich zu bedienen weiß] und dessen Wirkungen (Pessimismus, Abstumpfung, Ablenkung und Kompensation, Selffulfilling Prophecy bis hin zum „Verlust des Fortschritts“), aber auch er unterliegt, grosso modo, der Versuchung, allzu simple Geschichten zu erzählen. Dies vor allem, indem er die komplexen und in sich auch widersprüchlichen Herausforderungen der Gegenwart zu „Skripten der Zukunftsangst“ verkürzend“ samt und sonders als „Märchen“ desavouiert.

 

Deren zehn sind es, die Matthias Horx im zweiten Teil dieses Buches aus der Perspektive des „skeptischen Optimisten“ zu dekonstruieren sich vornimmt, womit er – zugegeben – da und dort gewiss Wesentliches benennt: Denn natürlich ist – wer wollte dies allen Ernstes behaupten? – „die Globalisierung nicht böse“; sehr wohl aber gibt es – selbst in den Wohlstandsländern – unwiderlegbare Indizien für eine zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich oder die Überalterung der Bevölkerung. Freilich, auch dies ist keine „Katastrophe“, wenn zeitgerecht und langfristig sozial-, gesundheits- und bildungspolitische Akzente gesetzt werden. Mahnende und warnende Stimmen indes pauschal als verwerflich und destruktiv abzutun und den Hinweis auf sich verdichtende Problemlagen mit dem Verweis auf ausgewählte Daten und Fakten als haltlos und gänzlich unbegründet zu parieren, entspricht just jener Strategie, die Horx seinen Widersachern zum Vorwurf macht. Vereinfachung greift Platz, wo eine abwägende, auch (selbst)kritische Sichtweise angebracht wäre. Wo gar der wissenschaftlich fundierte und nüchterne Nachweis von Krisensymptomen als apokalyptische Attitüde zurückgewiesen und die Welt in Summe als ein sich permanent verbesserndes System interpretiert wird, ist wohl eher von blindem, denn von skeptischem Optimismus zu sprechen: Dass – um nur zwei markante Beispiele hervorzuheben – die Klimaerwärmung nachweislich auf massive Eingriffe des Metabolismus „Menschheit“ zurückzuführen ist und die daraus ableitbaren Entwicklungen (in groben Zügen) absehbar sind, sollte nunmehr nicht ernsthaft in Frage gestellt werden, selbst wenn sie – wie Horx richtig festhält, „keine finale Bedrohung, sondern nur eine von vielen Herausforderungen und evolutionären Wachstumsanreize auf dem langen, turbulenten Weg der Menschheit ist“ (S. 243). Dass das Paradigma einer „nachhaltigen Entwicklung“ ein wesentlicher, wenn nicht gar der entscheidende Schritt zur Sicherung der Evolution (unter Einschluss der Spezies Mensch) sein dürfte, sollte gleichermaßen außer Streit stehen. Wenn dagegen die „Formel der Nachhaltigkeit“ als Märchen bezeichnet wird, die Messbarkeit des dramatisch unterschiedlichen Zugriffs auf begrenzt verfügbare Ressourcen mit dem Instrumentarium des ökologischen Fußabdrucks als Humbug abgetan und die Einsicht in die „Grenzen des Wachstums“ als Schimäre abgetan wird, so ist dies nicht als fundierte Diagnose einer depressiven Weltuntergangsattitüde, sondern eher als zukunftsblindes Vertrauen in die Selbstverbesserung des Weltenlaufs zu verstehen. In einem zentralen Punkt ist dem Autor hingegen vorbehaltlos zuzustimmen: Vertrauen, „Zukunftsadaptivität“, Mut und Optimismus sind unabdingbare Ingredienzien zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft. Wir werde darauf nicht verzichten können. W. Sp.

 

Horx, Matthias: Anleitung zum Zukunfts-Optimismus. Warum die Welt nicht schlechter wird. Frankfurt/M. (u. a.): Campus Verl., 2007. 310 S., € 24,90 [D], 25,60 [A], sFr 43,70

 

ISBN 978-3-593-38251-7