Wolfgang Hirn, bereits aus früheren Publikationen („Herausforderung China“) als Asienexperte bekannt, beschreibt die rasanten Umwälzungen, die sich in der globalen Wirtschaft gegenwärtig vollziehen. Der Hauptblick ist dabei, wie im Titel angedeutet, auf Asien, vornehmlich auf China und Indien gerichtet, aber auch zwei weitere aufstrebende Wirtschaftsgiganten, die Agrarmacht Brasilien und die Energiemacht Russland werden analysiert (Diese vier Staaten werden mittlerweile unter dem Kürzel BRIC zusammengefasst).

 

Der Autor sieht die Welt vor einer neuen globalen Arbeitsteilung. China sei bereits jetzt die „Fabrik der Welt“ (nach der Textilbranche boomen nun auch die Sektoren Elektrogeräte, Autos, Handys und Microchips); Indien mutiere zur weltweit führenden „Software-Bude“ und Russland zur „Tankstelle der Welt“ (Gazprom werde dabei zu Russlands „Staat im Staate“).

 

Und Brasilien sei bereits heute „Agrarexportweltmeister“ bei Alkohol, Zucker, Kaffee, Orangensaft, Soja, Rindfleisch, Tabak und Hühnerfleisch. Asien werde zukünftig auch im Bereich High-Tech die Nase vorne haben, wobei auch hier eine Arbeitsteilung auszumachen sei: Indien (IT und Pharma), China (Gentechnologie und Raumfahrt), Südkorea (Breitband und Internet), Japan (Mobilfunk und Roboter), Singapur (Biotech und Pharma).

 

Wird der Umbruch friedlich vonstatten gehen? Nicht unbedingt: Hirn prophezeit „neue kalte Kriege“ um Arbeitsplätze, Talente, Ideen und Patente, Märkte und Rohstoffe. So steht – dies eine der markanten Zahlen des Autors – durch den Eintritt Chinas und Indiens „dem globalen Arbeitsmarkt die unvorstellbare Zahl von rund drei Milliarden neuen Arbeitskräften zur Verfügung“ (S. 218). Chinas Rohstoffhunger werde sich bis 2020 vervielfachen (Öl: Faktor 20, Kohle: Faktor 80, Fleisch: Faktor 13). Die Konkurrenz steigt auch im Bereich der Unternehmen: „Es wird zu Kämpfen zwischen Multis (alt) und Multis (neu) kommen.“ (S. 218) Im Bereich von Bildung und Forschung hat der Wettkampf bereits begonnen: „So verlassen jedes Jahr 200.000 Ingenieure Indiens Universitäten, in China sind es jährlich sogar 442 000.“ Die USA hingegen „bringen“ es gerade einmal auf 70 000. Dies seien, so Hirn, die entscheidenden Zahlen, wenn über die „Wettbewerbsfähigkeit von morgen gesprochen wird“ (S. 192)

 

Dass der Westen an Terrain und Einfluss verliert, sei eine unumstößliche Tatsache, vielleicht auch eine weltgeschichtliche Chance. Wir sollten uns damit abfinden, dass die zukünftige Welt mulitpolar sein wird: „Altmacht USA, Neumacht China, Zivilmacht EU, Energiemacht Russland, Technologiemacht Indien, Agrarmacht Brasilien, Mittelmacht Japan.“ (S. 240)

 

Dem Westen, den USA und der EU, empfiehlt der Autor, das Lamentieren zu beenden, die Ärmel hochzukrempeln und die Anstrengungen in den Bereichen Bildung und Forschung auszuweiten. Mit Seitenhieben auf die Jugend fordert Hirn mehr Leistung und Triebverzicht. In der Politik solle die Fähigkeit Orientierung zu geben und der Mut Entscheidungen zu treffen, die Krise der Demokratie überwinden helfen. Insgesamt plädiert der Asienexperte für eine Konvergenz westlicher und asiatischer Werte, wodurch Tugenden wie Sparsamkeit und Fleiß bei uns wieder an Bedeutung und die Demokratien wieder etwas „gelenkter“ würden.

 

Das Buch ist – anders als der Titel vermuten lässt – keineswegs aggressiv oder konfrontativ geschrieben, vielmehr zeigt es nüchtern die gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Veränderungen auf. Dabei bleibt freilich der Eindruck, dass der Autor zwecks Untermauerung seiner These die ökonomische Potenz des Westens unterschätzt. H. H.

 

Hirn, Wolfgang: Angriff aus Asien. Wie uns die neuen Wirtschaftsmächte überholen. Frankfurt a. M.: Fischer, 2007. 288 S. € 14,90 [D], € 15,20 [A], sFr 24,60 ISBN 978-3-10-030411-7