Seit gut 25 Jahren zählen Landwirtschaft und Ernährung zu den Kernbereichen des Nachhaltigkeitsdiskurses. Dies wohl auch deshalb, weil das, was wir (bewusst oder auch unbewusst) tagtäglich zu uns nehmen, viel mit Erfahrung und Vorlieben zu tun hat und demnach ganz wesentlich auch eine Folge persönlicher wie gesamtgesellschaftlicher Wertsetzung darstellt.

 

Nachhaltige Ernährung, ein vergleichsweise junger Terminus, umfasst – so die Herausgeber – ökologische, ökonomische, soziale sowie gesundheitliche Dimensionen und ist im Hinblick auf aktuelle Probleme und Zielsetzungen eine Querschnittsmaterie par excellence. Dementsprechend vielfältig nimmt sich der berufliche Hintergrund der sechzehn in diesem Band zu Wort kommenden AutorInnen aus. Ökologische, biologische, chemische, soziologische und wirtschaftliche Aspekte werden benannt, um das Spektrum von Produktion, Handel und Konsum von Nahrungsmitteln in den Blick zu nehmen.

 

Dass neben der Versorgung mit (möglichst hochwertigen?) Produkten zunehmend auch der Umweltschutz und die Erhaltung der Kulturlandschaft zu gleichwertigen Aufgaben der Landwirtschaft zählen, vermittelt der einleitende Text. Es gelte daher, so die Autoren u. a., „im landwirtschaftlichen Bereich gewährte Förderungen stärker an gesellschaftlich gewünschte Leistungen zu binden“. In einem weiteren Beitrag über „zukunftsfähige Landwirtschaft und Ernähung in den Entwicklungsländern“ diskutiert J. Ziche verschiedene Sichtweisen der Globalisierung und streicht vor allem positive Effekte von „Good Governance“ heraus. Der Stärkung einer werteorientierten Unternehmenskultur in der Landwirtschaft und Ernährungsindustrie – Nachhaltigkeit als „vagabundierendes Konzept oder Handlungsmaxime?“ – gelten weitere Überlegungen.

 

Um den Wandel von Betriebsgrößen im Handel, das Einkaufsverhalten unterschiedlicher sozialer Milieus (am Beispiel Berlin), um Anforderungen an eine nachhaltige Gastronomie – mehr als 200.000 Betriebe setzen in Deutschland rund ein Drittel aller Nahrungsmittel und netto mehr als 33 Mrd. Euro pro Jahr um (S. 153) – sowie um „Lebensmittel im Widerspruch zwischen regionaler Herkunft und globaler Verfügbarkeit“ geht es u. a. im Mittelteil. Schließlich werden im Konsum-Kapitel neue Zugänge der Lebensstilforschung präsentiert, die differenzierte, niemals moralisierende Sichtweisen zeigen und nahelegen. An die Stelle des „Sollens“ – so heißt es prägnant – gerate mehr und mehr das „Wollen“ und „Können“ der KonsumentInnen in den Blick. Dass freilich gerade in punkto Ernährung der Maxime „Weniger ist mehr“ eine wesentliche Rolle zukäme, ist in Anbetracht von weltweit mehr als 1,1 Mrd. (stark) übergewichtigen Menschen – diesen stehen 850 Mio. Hungernde gegenüber – kaum von der Hand zu weisen.

 

Der Anspruch, mit diesem Band – zumindest im Focus auf Deutschland – ein Grundlagenwerk vorzulegen, wurde über weite Strecken eingelöst. W. Sp.

 

Nachhaltigkeit und Ernährung. Produktion – Handel – Konsum. Hrsg. v. Karl Michael Brunner: Frankfurt/M. (u. a.): Campus-Verl., 2005. 281 S., € 29,90 [D], 30,80 [A], sFr 52,20

 

ISBN 3-593-37715-2