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PZ 1_2012    

Ausweg Ökokratie?


Die Ökobilanz der Demokratie schaut bislang nicht besonders gut aus, so der Befund des taz-Umweltkorrespondenten Bernhard Pötter in der ökom-Reihe „quer gedacht“. Da die Ökodiktatur jedoch keineswegs besser wäre, schlägt der Autor das Konzept einer „Ökokratie“ vor. Diese erfordere „Beschränkung, um die Freiheit zu erhalten“ (S. 32), und zwar nicht nur die Freiheit der Andersdenkenden, sondern auch die der „anderswo Lebenden und der Nachgeborenen“. Ziel müsse sein, „die Ökologie soweit ins Zentrum der politischen Systeme zu stellen, dass unsere Gesellschaften eine Zukunft haben.“ (S. 31) Pötter fasst in  „Ökokratie“ bekannte Vorschläge von höheren Preisen auf Ressourcen bis zu globalen CO2-Kontingenten zusammen, macht aber auch konkrete institutionelle Vorschläge wie ein „Maastricht II für Zukunftssicherung“ (also eine zumindest europäische vertragliche Einigung auf Ressourcenbegrenzung“) sowie eine „Zukunftsbank Europa“, die die ökologische, wirtschaftliche und soziale Zukunft Europas „für die nächsten hundert Jahre“ planen soll (S. 52 ff.). Man könnte nun einwenden, dass der Autor nur einen neuen Begriff geschaffen habe, aber er trifft den Kern des Problems insofern, als Umweltfragen beiliebe nicht jene Aufmerksamkeit erhalten, die nötig wäre. In der Einschätzung der Lage ist Pötter einig mit Luks: „Die multiple Umweltkrise kann man nicht aussitzen. Nichts ist gefährlicher als die Idee, der Status quo ließe sich halten.“ (S. 88) Hans Holzinger

 

Pötter, Bernd: Ausweg Ökodiktatur? Wie unsere Demokratie an der Umweltkrise scheitert. München: ökom-Verl.,, 2010. 93 S., € 8,95 [D], 9,20 [A], sFr 15,20 ; ISBN 978-3-86581-216

Klimakatastrophe ist abgesagt


„Wird die Erde doch nicht wärmer?“, so titelt die Wochenzeitschrift „Die ZEIT“, um Argumente der Skeptiker der Klimaerwärmung, insbesondere das neue Buch „Die kalte Sonne“ von Fritz Vahrenholt kritisch zu hinterfragen.

Die umstrittenen Behauptungen des RWE-Topmanagers Vahrenholt sind Anlass genug, einen Blick auf die Argumente der Leugner der Klimaerwärmung zu werfen. Vahrenholt und sein Co-Autor Lüning behaupten, dass „die globalen Temperaturen nur zum geringeren Teil vom C02-Ausstoß beeinflusst werden“ und zumindest die Hälfte der bisherigen Erderwärmung auf eine verstärkte Aktivität der Sonne zurückgeht. Beide widersprechen auch dem vom Welt-Klimarat (IPCC) prognostizierten Temperaturanstieg.

Wahr ist zweifellos, dass der Klimawandel etwas immanent Ungemütliches hat: „Wer lässt sich schon gerne sagen, dass der eigene Lebensstil im Grund verantwortungslos ist.“ Die Autoren des ZEIT-Artikels fragen aber, ob Vahrenholts Beitrag die „Klimaskeptiker“ hierzulande ermuntern und eine neue ökoreaktionäre Bewegung auf den Plan rufen wird. Ein Blick auf andere Länder zeigt, dass es in vielen Staaten (etwa den USA, Australien, Großbritannien und China) einflussreiche Skeptiker gibt. „Mit tatkräftigem Beistand der Ölindustrie haben die hartnäckigen Leugner der Erderwärmung dort [in den USA] die Debatte vollständig gedreht und den Begriff des ‚Warmisten’ als Schimpfwort etabliert – als Bezeichnung für einen, der noch an Klimaerwärmung glaubt.“ (S. 35) Ähnliche Tendenzen sind auch in der Diskussion um die Energiewende zu konstatieren, denn nach der Analyse des angeblich gar nicht so dramatischen Klimawandels gibt das Duo Vahrenholt/Lüning auch hier Entwarnung.

Sieben Thesen (im folgenden kursiv gesetzt) der Autoren widerspricht Zeit-Redakteur Toral Staud mit folgenden Gegenargumenten:

1. Seit 1998 ist der Klimawandel gestoppt: Hier werden kurzfristige Temperaturschwankungen mit langfristigen Klimatrends vermischt, Klima gilt in Fachkreisen als 30-jähriger Mittelwert.

2. Die Behauptung, die Hockeystick-Kurve (Analyse zur Temperatur der letzten Jahrhunderte von Michael Mann aus dem Jahre 1998) ist eine Fälschung: Das US-amerikanische National Research Council kam 2006 zum Ergebnis, dass Manns Grundaussagen trotz Mängel stimmen.

3. Die Sonnenaktivität ist für die Erderwärmung hauptverantwortlich: Nach Ansicht der meisten Forscher trägt diese allerdings nur etwa ein Zehntel zur Erderwärmung bei.

4. Die kosmische Strahlung befeuert den Klimawandel: Forschungen zeigen, dass kosmische Teilchen viel zu klein sind, um als Wolkenkeime zu dienen.

5. Wegen sinkender Sonnenaktivität wird die Erderwärmung eine Pause einlegen: Andere Befunde hingegen erwarten von der Sonne einen Kühleffekt von lediglich 0,06 Grad bis höchstens 0,3 Grad Celsius – bei einer laut IPCC bis 2100 zu erwartenden Erderwärmung von zwischen 1,1 und 6,4 Grad.

6. Die Behauptung, der IPCC manipuliere die Klimaforschung: Überprüfungen der IPCC-Studien durch unabhängige Experten widerlegen auch diese Feststellung.

7. Die Erderwärmung legt derzeit eine Pause ein und deshalb hätten wir Zeit für die Energiewende: Diese Behauptung wir als politische Forderung gehalten, die klimawissenschaftlich untermauert werden sollte.

Ohne Vahrenholts Annahmen zu kennen, ist es fraglich, ob es reicht, sieben Thesen herauszupicken und diese mehr oder weniger salopp zu widerlegen. In einem „Experten-Check“ über „Die Mär von der ‘kalten Sonne’“ äußert sich dazu Jochen Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, in einem Interview mit Uli Weih auf http://nachrichten.t-online.de (v. 10.2.2012). Jürgen Langenbach schreibt wiederum eine wohlwollende Rezension zum Buch  in der Österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ (unter http://diepresse.com/home/science [Klima]).

Festzuhalten bleibt –  ob nun die Klimaerwärmung mehr oder weniger stark ausfällt (unter http://diepresse.com/science/(Klima) publiziert die Tageszeitung „Die Presse“ eine Beitrag darüber) – dass unsere fossilen Ressourcen endlich sind und deshalb kein Weg an der Umstellung auf regenerative Energien vorbeiführt. Alfred Auer

 

Wird die Erde doch nicht wärmer? Die Zeit v. 9. 2. 2012, Nr. 7, S. 35-37

Zur Politik des Aufschubs


Nach „Lost in Transformation? Weltrettungs-ABC nach Fukushima“ (2011) hat der Ökonom und Nachhaltigkeitsexperte Fred Luks nun ein zweites „Wellrettungs-ABC“ verfasst, und zwar zur „Politik des Aufschubs“. Anhand von Begriffen, deren Anfangsbuchstaben dem ABC folgen, erörtert der Autor in gut lesbarer Form Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung und ihrer Hürden, die nur vordergründig lose aneinander gereiht erscheinen. Der sich durch die Begriffe ziehende verbindende Faden liegt im Befund, dass wir von Nachhaltigkeit weit entfernt sind, aber ebenso weit vom Weltuntergang. Denn „Irgendwas ist immer“, wie bereits der Titel des Buches anzeigt.

Luks plädiert für sachliche Analysen, aber auch für anschauliche Geschichten und insbesondere für (Selbst)-Ironie. An ein paar Begriffen sei dies veranschaulicht. „Authentizität“ und „Betroffenheit“ würden, so der Autor, als emotionale Aspekte des „Welt-Rettungs-Diskurses“ meist überbetont. Provokant: „Ob ein Klimaforscher Vegetarier und Fahrradfahrer ist oder Hamburger isst und Porsche fährt, ist für die wissenschaftliche Belastbarkeit und gesellschaftliche Nützlichkeit seiner Forschung absolut unerheblich.“ (S. 22) Betroffenheit wiederum bleibe wie „Empörung“ häufig im Symbolischen stecken („Im Weltrettungsdiskurs geht es vielen Beteiligten darum, sich gut zu fühlen.“ S. 26). „Folgenlose Betroffenheit“ spiele daher im politischen Diskurs eine zentrale Rolle, die Teil einer „Politik des Aufschubs“ sei, übrigens auch in jenem über „CSR“ („Sehr oft benutzen Unternehmen CSR für kommunikative Zwecke, weitaus seltener gehen sie dahin, wo´s wehtut.“ (S. 30). Diese „Schmerzvermeidungsstrategie“ (ebd.) werde sich aber als nicht nachhaltig erweisen, so Luks.

Das führt uns ans Ende des Alphabets. Unter „Verantwortung“ findet der Autor nicht weniger klare Worte. Ohne die Zuständigkeit bzw. Verantwortung von uns als Bürger oder Konsumenten abzulehnen, hinterfragt Luks zu Recht die Wirkmöglichkeiten, die dem Einzelnen offenstehen. Gegenüber dieser „Privatisierung der Nachhaltigkeit“ (S. 77) gelte es politische Rahmenbedingungen zu ändern. Der Verweis auf die BürgerInnen ermögliche aber auch eine „Politik des Aufschubs“ und habe entlastende Funktion. Dies sei beim Reden über die „Revolution“ allerdings nicht anders, das meist dem „Gutaussehenwollen“ und dem „Gutfühlenwollen“ diene, nicht dem „Bessermachenwollen“ (S. 62). Anders gewendet: „Vorschläge, die alle zur Revolution weisen und nichts über den Weg sagen, sind nett, aber wenig hilfreich.“ (S. 63). In Anspielung auf „Der kommende Aufstand“ (S. PZ 2011/1) prognostiziert Luks aber ohnedies den „ausbleibenden Aufstand“ (S. 61).

Die Real-Politik sei noch immer – und seit der Banken/Verschuldungskrise noch mehr – auf „Wachstum“ fixiert, kritisiert Luks. Doch da es unmöglich sei, „etwas aus nichts“ zu produzieren (S. 79), sei permanentes Wachstum aus Nachhaltigkeitssicht unmöglich, vielmehr müsse über Schrumpfung gesprochen werden.

Die „Politik des Aufschubs“ hängt nicht zuletzt mit „Zaudern“ zusammen, dem der Autor durchaus etwas abgewinnen kann, wenn damit Entschleunigung, die „Fähigkeit zum Nicht-Tun und Bleibenlassen“ (S. 89) sowie ein bedachtes Entscheiden gemeint ist („Wenn für wichtige Entscheidungen immer weniger Zeit zur Verfügung steht und Kostenreduktion das oberstes Gebot ist, tut dies der Nachhaltigkeit nicht gut.“ S. 88) Luks spricht daher von „entschlossenem Zaudern“ (S. 91). In der Politik freilich sieht er hier häufig wiederum den problematischen Aufschub am Werk: „Erledigung durch Nichtbefassung“ (S. 58) Doch bestimmte Dinge wie Artensterben, Klimawandel oder Peak Oil erledigten sich so nicht: „In den meisten Fällen (nicht in allen) kommt man der Nachhaltigkeit durch Aussitzen nicht näher.“ (S. 58)

Alles in allem ein kurzweilig zu lesendes Buch, das zum kritischen Hinterfragen des (leichtfertigen) Redens über die „Weltrettung“ anregt, ohne freilich allein aufgrund des Textumfangs in die Tiefe gehen zu können. Hans Holzinger

 

Luks, Fred: Irgendwas ist immer. Zur Politik des Aufschubs. Marburg: Metropolis, 2012. 102 S., € 9,80 [D], 10,10 [A], sFr 16,80; ISBN 978-3089518-888-6

 

Luks, Fred: Lost in Transformation? Weltrettungs-ABC nach Fukushima. Marburg: Metropolis, 2011. 70 S., € 9,- [D] 10,10[A], sFr 17,-; ISBN 978-3-89518-864-0

DVD Eine Reise zu Ökodörfern


Fernab jeder Krisenrhetorik a la ´Wie können wir die Finanz-, Wirtschafts- und Budgetkrise(n) überleben?´ unternimmt die Dokumentation „Ein neues Wir“ von Stefan Wolf eine spannende Reise in zehn ökologische Gemeinschaften und Ökodörfer in acht Ländern Europas. Die Videodokumentation beschäftigt sich insbesondere mit den sozialen Organisationsstrukturen der Gemeinschaften und den sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen und Lebensweisen ihrer Mitglieder, wobei jedoch in allen Beispielen die – bisweilen widerspruchsbeladene – Verbindung der Komponenten Ökologie, Ökonomie und Soziales im Vordergrund steht.

Übergreifendes Ziel der zehn portraitierten Beispiele ist es nachhaltige Entwicklung in der Praxis zu erforschen, zu erproben und ganzheitlich zu leben. Die unterschiedlichen Ansätze dabei sind ein Beweis für die Vielgestaltigkeit und Fülle, die der Ansatz einer nachhaltigen Entwicklung in sich vereinigt und hervorzubringen im Stande ist.

Weltweit gibt es bereits mehrere Tausend ökologische Gemeinschaften und Ökodörfer. Die weite Palette ökologischer Gemeinschaften in Europa reicht von Großprojekten mit 1000 BürgerInnen und Landflächen von 500 Hektar bis hin zu Pioniersiedlugen mit kaum mehr als 5 bis 10 dauernd ansässigen BewohnerInnen. Gemeinsam ist allen Projekten, dass sie ein natürliches, solidarisches und einfaches Leben führen wollen und mit neuen Formen der demokratischen Organisation des Zusammenlebens experimentieren.

Grundlage beinahe aller ökologischen Gemeinschaften und Ökodörfer ist die Bewirtschaftung von Land und Wald und die Energieversorgung mittels regenerativer Energiequellen. Dadurch erreichen die Projekte einen Selbstversorgungsgrad von ca. 75 Prozent. Viele Ökodörfer bieten darüber hinaus auch Seminare und Kurse an, um ihr erarbeitetes Wissen weiterzugeben.

Die gelungene Dokumentation zeigt nicht zuletzt eindrucksvoll, dass derartige Projekte auch das Miteinander der Generationen fördern können. Thomas Haderlapp

 

Ein neues Wir. Ökologische Gemeinschaften und Ökodörfer in Europa“, Regie und Kamera: Stefan Wolf. Love Productions 2010. www.neueswir.info

Die unsichtbare Dimension


Nachhaltigkeit sei ein wesentlicher Aspekt des Kulturellen, die Rede von „kultureller Nachhaltigkeit“ mache daher so wenig Sinn wie von „weißen Schimmeln“ zu sprechen, so die Kulturhistorikerin Gabriele Sorgo, Herausgeberin eines vielschichtigen Bandes über Kultur und Nachhaltigkeit. „Nachhaltig“ habe ursprünglich einfach bedeutet „von langer Dauer“ und „langer Wirkung“, wozu auch „angesammelte Wissensvorräte“ und „sedimentierte Erfahrungen“ zählen, sei im Kontext der Ökologie jedoch auf Materielles eingeschränkt worden, so Sorgo folgerichtig, die eine sehr schöne Definition von „nachhaltigem Handeln“ gibt: Dieses meine, „dass das Handeln, die Ausschöpfung und Abschöpfung der Ressour- cen, weder unabänderliche Spuren der Schädigung oder der Erschöpfung hinterlässt noch weiter eingräbt, sondern dass die Quellen des Reichtums in ihrer Vitalität für die Nachwelt erhalten bleiben“ (S. 9). Ziel nachhaltigen Ressourcengebrauchs sei daher, dass die Nutzung andauern kann und „dass die Menschen ihrer Lebensweise durch die auf Ausgleich angelegte Nutzung Dauer verleihen können“ (ebd.).

Doch nicht um die Berechnung von Ressourcengrenzen, ökologischen Fußabdrücken oder Einsparpotenzialen geht es in den Beiträgen des Bandes, sondern um verschiedene Aspekte des „Kulturellen“ im Kontext von nachhaltiger Entwicklung. Das Buch ist der lobenswerte Versuch, die Kulturwissenschaften für die Nachhaltigkeitsdebatte (und im engeren Sinn auch für Konzepte von Nachhaltigkeitsbildung) fruchtbar zu machen. Gefolgt wird dabei einem Kulturverständnis, das – so Verena Holz und Ute Stoltenberg in ihrem einführenden Beitrag – „nach Wissensordnungen fragt, die die individuelle und gesellschaftliche Praxis strukturieren“. Bildung müsse sich in diesem Sinne der Aufgabe stellen, „wie man Menschen bewegen kann, sich mit sich selbst und ihrer Zukunft zu beschäftigen“. „Nachhaltigkeitsfragen als Lebensfragen statt als akademische, politische oder Schulfragen“ zu erkennen, sei der einzig mögliche Weg „zu eigenem Engagement und Partizipation an der Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung“ (S. 18f.).

Hoch ist der Anspruch auch von Jörg Zirfas, der über ästhetische Bildung referiert und diese als „Bildung der Empfindsamkeit gegenüber Mensch und Natur, als Entwicklung der Einbildungskraft, des Geschmacks und des Genusses, als Befähigung zu Spiel und Geselligkeit, zur ästhetischen Urteilskraft und Kritik, als Erschließung von (neuen) Ausdrucksformen und Handlungsperspektiven, als Vermittlung von Verstand und Gemüt, Expressivität und Regelgeleitetheit oder auch als Idee einer (utopischen) Zivilisierung des Lebens“ (S. 36) begreift. Wesentlich erscheinen Zirfas die viel stärkere Berücksichtigung von Zukunftsperspektiven ohne dabei den Umgang mit Kontingenz, also Unsicherheit und Unplanbarkeit zu vernachlässigen.

 

Infantilisierung der Erwachsenenwelt

Mehrfach thematisiert wird die Frage des Verhältnisses von Tradition und Erneuerung, altem Wissen und Veränderung. Johannes Bilstein reflektiert die Beziehung zwischen den Generationen. Er unterscheidet dabei mit Margret Mead traditionale Gesellschaftsformen von Kulturen, in denen sich Jung und Alt ebenbürtig in einer sich wandelnden Welt gegenüber stehen (datiert etwa auf die 1960er-Jahre). Gegenwärtig würden wir jedoch in einen derart beschleunigten Wandel eintreten, „dass schon einer Generation immer neue Anpassungsleistungen an immer schneller veränderte Lebensbedingungen abverlangt werden“, was auf Erfahrungen von „moderner Bodenlosigkeit“ (s. PZ 2011/3) verweist. Jugend werde nun, so Bilstein, zum „Leitbild der gesamten Gesellschaft“, was auch mit einer „Infantilisierung der Erwachsenenwelt“ einhergehe. Und doch ist für den Autor nicht ausgemacht, was es in der Tat wert ist, tradiert zu werden. Am Bild der Fackel, die weitergegeben wird, meint er, ob nicht in vielen Fällen die Fackel selbst zum Problem geworden sei: „Vielleicht wird es zum entscheidenden Akt der Nachhaltigkeit, bestimmte Fackeln – z. B. die Angewohnheiten eines besinnungslosen Konsumerismus – gerade nicht mehr weiterzugeben.“ (S. 92)

Harald Katzmair nimmt Bezug auf die Zyklentheorie von Systemen, die zwischen Wachstum bzw. Verausgabung, Verlangsamung und Reife, Zusammenbruch und erneuter Reorganisation wechselten. Ein starres Knappheitsdenken würde Nachhaltigkeit ein zu enges Korsett aufzwingen, vielmehr gehe es um Resilienz, so der Autor, der jedoch warnt, dass ein System „krank und zerstörerisch“ wird, wenn es – wie unsere derzeitige Ökonomie – „wachsen muss, gar nicht anders kann als zu wachsen und sich eben nicht mehr in Zyklen der Erneuerung, die immer auch Zyklen einer unterschiedlichen Produktions- und Konsumtionsrate sind, eintaktet“ (S. 170).

Weitere Beiträge widmen sich den Chancen kritischen Konsums und der „Be-Deutungsmacht“ von KonsumentInnen (Rainer Gries), der Bedeutung des Scheitern-Könnens (Sabina Aydt), den Möglichkeiten von Theaterpädagogik (Ute Pinkert), dem Ansetzen bei den alltäglichen Lebenspraktiken der Menschen wie Wohnen, Sich-Ernähren (Karl H. Hörning macht hierfür die „Theorie sozialer Praktiken“ fruchtbar) oder gar der Rolle, der Sexualpädagogik in der Nachhaltigkeit zukommen könne. Sarah Maria Maresh macht sich dabei nicht nur Gedanken, welche Verhütungsmittel am wenigsten Müll erzeugen – Kondom, Diaphragma oder die tantrische Kunst der Ejakulation nach innen! –, sondern wie Parallelen zwischen emanzipatorischer Sexualpädagogik und Nachhaltigkeitsbildung genutzt werden könnten. Die „Fähigkeit ja sagen zu können zu dem, was einem oder einer gefällt“ sei demnach entscheidend dafür, auch Nein sagen zu können. Oder anders formuliert: „Nur wer den eigenen Körper fühlt, kann Grenzen und Grenzüberschreitungen leichter wahrnehmen.“ (S. 188) Bezogen auf Nachhaltigkeit würde die Fähigkeit zur Begrenzung dann das Sich –Selber-Spüren  zur Voraussetzung haben.

 

Vom Wissen zum Handeln

Eine entscheidende Frage stellt schließlich nochmals die Herausgeberin, nämlich „warum wir nicht anders handeln, obwohl wir es besser wissen“. Die Antwort findet sie im „Konsumdispositiv“, welches es Menschen nahelege, „alle ihre Bedürfnisse, materielle ebenso wie soziale und emotionale über die Angebote des derzeit vorherrschenden, profitorientierten Marktsystems befriedigen zu wollen.“ (S. 116) Oder anders ausgedrückt: Der Appell an Menschen, die in Konsumkulturen leben, ihren Konsum einzuschränken, sei in etwa mit der Aufforderung vergleichbar, mit dem Atmen aufzuhören. Der ökologische oder nachhaltige Konsum könne in diesem Sinne dann davon abhalten, sich politisch für einen Wandel der Konsumkultur zu engagieren: „Denn etwas Gutes tun heißt dann weiterhin nur einkaufen.“ (S. 118) Es finde keine „systemische Reflexion“ statt, so Sorgo, die jedoch auch vor der begrenzten Wirkung von noch mehr Information warnt. Vielmehr wäre es Aufgabe einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, Mythen zu dechiffrieren und etwa zu zeigen, „dass das heldenhafte autonome Individuum über weite Strecken gewaltige Verzichtsleistungen in emotionalen Bereichen auf sich nimmt“ (S. 124). Das, was im Konsumdispositiv als „Verzichtsleistung“ verstanden wird, könnte sich somit in etwas Positives verwandeln und als „freudiges Geben“ erfahren werden. Umweltprobleme mit dem Kauf der „richtigen“ Produkte lösen zu wollen, stelle demnach nur die erste Reaktion auf die Erkenntnis dar, „dass es so nicht weitergehen kann.“ (S. 124)

Auf ein anderes Handeln nehmen schließlich zwei in den Band aufgenommene Interviews der Herausgeberin Bezug. Der Psychoanalytiker Felix de Mendelssohn geht davon aus, dass „Nachhaltigkeitsbestrebungen erst durch viel Leidensdruck umgesetzt werden können“ und dass zweitens hierfür auch „Sanktionen und Regierungsgewalt“ (S. 95f) nötig sein werden.

„Es wird uns nicht freuen, denn wir werden auf Dinge verzichten müssen und vielleicht gar nicht wissen warum. Aber ich fürchte, es wird nur über diesen Weg gehen.“ (S. 102). Martina Kaller, Expertin für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Ernährung, plädiert dafür, nicht über das richtige Ernährungsverhalten zu dozieren, sondern über die Produktionsbedingungen von Lebensmittel zu diskutieren. Zudem gehe es ums Selber-Tun, was für mehr Kochunterricht in der Schule spräche.

Zugegeben: Ich war zunächst skeptisch, ob wir ein weiteres Buch über die „Kultur der Nachhaltigkeit“ brauchen, wenn es doch mehr als ansteht, diese endlich in verbindliches Recht zu gießen, was vielmehr nach einer „Politik der Nachhaltigkeit“ verlangt. Die Lektüre hat mich aber gelehrt, dass die Kulturwissenschaften, vor allem wenn sie, wie hier, weit über Appelle zu einem nachhaltigen Lebensstil hinausweisen, essenziell zum Verstehen dessen beitragen können, warum Nachhaltigkeit noch immer scheitert und – vielleicht auch – wie sie gelingen könnte. H. H.

 

 Die unsichtbare Dimension. Bildung für nachhaltige Entwicklung im kulturellen Prozess. Hrsg. v. Gabriele Sorgo. Wien: Umwelt & Bildung 2011. 192 S.,  € 14,- (D, A] sFr 23,80 ; ISBN 978-3-900717-68-1

Bestellung: www.umweltbildung.at

 

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