Arbeitsverhältnisse und Arbeitsqualität

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Arbeitsqualität und Arbeitsverhältnisse im NiedriglohnsektorArbeitsqualität in neuen Berufsfeldern

Der Sammelband „Hard Work in New Jobs. The Quality of Work and Life in European Growth Sectors” ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Qualität der Arbeit in neuen Berufsfeldern. Er bietet wissenschaftlich fundierten Einblick in eine Arbeitswelt, die oszilliert zwischen hochbezahlten Jobs für Hochqualifizierte und schlecht bezahlten für wenig Qualifizierte. Der Band widmet sich letzteren und nimmt die gering qualifizierten und noch geringer entlohnten Personengruppen in den Blick. Von ähnlichen Disskussionsbeiträgen hebt sich diese Publikation durch eine breite,differenzierende Betrachtung unter Berücksichtigung südosteuropäischer Staaten ab, die in diesem Feld bisher wenig erforscht, aber aufgrund ihrer volkswirtschaftlich schwächeren Performance von besonderem Interesse sind. Außerdem werden bislang eher unterbelichtete Branchen analysiert, wodurch eine wichtige Erweiterung des Feldes der Arbeitsqualitätsforschung vorgenommen wird.

Nach einem überblicksartigen Einleitungskapitel der Herausgeber (Ursula Holtgrewe, Vassil Kirov, Monique Ramioul) gehen Ursula Holtgrewe, Ekaterina Markova und Johan Ravn v. a. methodischen Fragen auf den Grund und beschreiben die Schwierigkeiten in der internationalen Vergleichbarkeit von Arbeitsqualitätsforschung. Sie weisen auf die vielfältigen Forschungstraditionen innerhalb Europas hin, die den Vergleich von Fakten und objektiven Daten im Rahmen von „mixed methods“ und Fallstudien erfordern, um zu einem größeren Bild zusammengeführt werden zu können. Dies zeigt, dass dem Sammelband ein Gesamtkonzept sowie der Anspruch zugrunde liegt, die Übersichtlichkeit und Vergleichbarkeit des Forschungsgegenstands innerhalb Europas zu verbessern. Folgerichtig sind auch die weiteren Beiträge systematisch aufgebaut.

Empirische Analyse der Arbeitsqualität

Der erste Teil der empirischen Analyse beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Beschäftigungszahlen, Arbeitsqualität und allgemeinem Well-Being. Im ersten Beitrag dieses Teils (Sem Vandekerckhove und Monique Ramioul) und einer Analyse sich verändernder Beschäftigungsstrukturen werden „new and growing jobs“ vor allem in Hinblick auf Spezialisierung, Professionalisierung und Bürokratisierung verglichen. Mithilfe eines neuen Mess-Instruments, des Balanced-Absolute and Relative Trends (BART) Index werden Industrien (12 Sektoren) beleuchtet, die vor der Krise von 2008 substanzielle Wachstumsraten aufwiesen. Es zeigen sich Unterschiede bei der Spezialisierung nach Sektoren und Ländergruppen, während Professionalisierung in allen Sektoren, aber nicht in allen Ländern stattfand. Der Trend vor 2008 ging in Richtung einer zunehmenden Konvergenz innerhalb Europas, was durch die Krise abrupt gestoppt wurde.

Der darauf folgende Beitrag von Charlotte McClelland und David Holman nimmt die Arbeitsqualität von vulnerablen Gruppen in den Blick. Die Autoren stellen fest, dass Frauen in wachsenden Sektoren eher beschäftigt werden, ihre Jobs aber von geringerer Qualität sind als jene der Männer. Als Grund dafür wird der höhere Frauenanteil in Teilzeit-Jobs angeführt. Schlechte Arbeitsqualität findet sich auch in Zeitarbeitsverhältnissen. Ältere sind hier oft besonders benachteiligt. Insgesamt wird festgehalten, dass vulnerable Gruppen (also Frauen und Über-50-jährige) hauptsächlich in niedrigqualifizierten und schlecht bezahlten Jobs sowohl in wachsenden als auch schrumpfenden Branchen tätig sind.

Ambra Poggi, Claudia Villosio und Giulia Bizzotto finden weitere Evidenz dafür, dass sich Arbeitslosigkeit fatal auf Einkommen und Lebensbedingungen auswirkt. Sie bestätigen ebenso, dass junge Angestellte, Arbeiter und MigrantInnen besonders vulnerabel sind. Personen, die in süd- und osteuropäischen Staaten arbeiten, haben ebenfalls ein höheres Risiko an Deprivation und schlechten Arbeitsbedingungen.

Umfangreiche Informationen über Arbeitsverhältnisse 

Weitere Beiträge thematisieren die institutionellen Ankerpunkte für Arbeitsqualität und die Rolle von Kollektivverträgen, die Rolle der Sozialpartner u. a. im Kontext von Niedriglöhnen und Teilzeitarbeit, die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Sektor (etwa in der Müllentsorgung) oder die Flexibilisierung der Arbeitszeit im Bereich Catering und Reinigung. Untersucht wird auch das Zufriedenheitsparadox, das besagt, dass im Niedriglohnsektor manchmal besonders hohe Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz bekundet wird. Dies aus dem Grund, weil die Betroffenen einfach froh sind, reguläre Jobs zu haben. Die beiden letzten Beiträge widmen sich Fragen der Autonomie und der Sozialbeziehungen in schlecht bezahlten Jobs.

Insgesamt bietet dieser Sammelband ein äußerst informatives, akribisch analysiertes und umfangreiches empirisches Material über die Arbeitsverhältnisse und die Arbeitsqualität in Jobs des Niedriglohnsektors. Das Buch ist eine Pflichtlektüre für all jene, die sich mit Fragen der Arbeitswelt beschäftigen und dabei nicht nur einzelne Sektoren kennenlernen wollen, sondern auch ein Interesse an den gesamtgesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhängen haben. Markus Pausch

 

Bei Amazon kaufenHard Work in New Jobs. The Quality of Work and Life in European Growth Sectors. Hrsg. v. Ursula Holtgrewe … Palgrawe, 2015. 205 S., $ 89,- , € 79,99 [A/D] ISBN 978-1-137-46108-7

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