Wir sind die Mehrheit

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    Harald Welzer ist für eine offene GesellschaftHarald Welzer setzt in seinem neuen Buch „Wir sind die Mehrheit“ und mit der von ihm mitbegründeten Initiative „Die Offene Gesellschaft“ auf die Gestaltbarkeit der Zukunft von unten. Auf der Homepage, die mit zahlreichen Aktionen in Erscheinung tritt, der Bewegung heißt es „Wir haben einfach keine Zeit, immer nur dagegen zu sein“ (www.die-offene-gesellschaft.de/). Dort wird auch der 17. Juni 2017 als „Tag der offenen Gesellschaft“ angekündigt. Damit soll ein international sichtbares Zeichen für das Engagement der Bürgergesellschaft und für die Einwanderungsgesellschaft gesetzt und zugleich gelebte Offenheit, Gastfreundschaft, Großzügigkeit und Liberalität gezeigt werden. Denn wenn wir aufhören, für Demokratie und eine offene Gesellschaft zu kämpfen, ist es vorbei mit der Freiheit und mit der Demokratie, meint der renommierte Autor. Beides gibt es nur dann, so der Direktor der Stiftung Zukunftsfähigkeit, wenn viele Menschen immer wieder für sie eintreten. Seine Argumente sollten uns wachrütteln.

    Welzer sieht gegenwärtig die Demokratie den schwersten Angriffen der Nachkriegszeit ausgesetzt. Diese würden von den Menschen- und Demokratiefeinden, den Feinden der Freiheit, namentlich den Islamisten und den Neurechten lanciert und vorangetrieben. „Und wirtschaftspolitisch ist das von allen

    Parteien vorgetragene Mantra des Wachstums als einzig seligmachende Lösung der Gegenwartsprobleme eine intellektuelle Zumutung und ein ökologisches Desaster.“ (S. 106) Außerdem sollten wir nicht ständig über nebensächliche Dinge streiten und darüber vergessen, dass es wichtigere Themen gibt, die auch tatsächlich etwas mit Zukunft zu tun haben. „Wie doof kann man sein?“ (S. 109), so der Autor weiter, wochenlang darüber zu debattieren, ob die Bundeskanzlerin nun „Wir schaffen das“ hat sagen dürfen oder nicht. Am Beispiel des Anschlags auf dem Berliner Weihnachtsmarkt kritisiert Welzer den Überbietungswettbewerb, zu einer Politik der Angst beizutragen, eine Strategie, die vormals der extremen Rechten vorbehalten war (vgl. S. 109). Welzer beklagt auch den Mangel an positiver Berichterstattung über das, was gut läuft in unserer Gesellschaft. Und er vermutet, dass „die Kräfte des Zusammenhalts möglicherweise viel stärker (sind), als es uns im täglichen Blick auf die Katastrophen der Welt erscheint. Und wenn man diese Perspektive mal verändern und zeigen würde, was warum gut und vor allem besser läuft als vor 50 oder 100 Jahren, dann würde daraus auch eine Ermutigung für alle diejenigen resultieren, denen zwar dauernd eingeredet wird, dass ‚man ja nichts machen kann‘, die das aber immer noch nicht glauben.“ (S. 116)

    Was also können wir tun, um die Mehrheit zu bleiben? Der Autor selbst hat, wie bereits erwähnt, die „Initiative Offene Gesellschaft“ mitbegründet und er zeigt in seinem Buch unzählige positive, inspirierende Beispiele2). Alle Demokratiefreundinnen und -freunde und jene, die weiterhin ein offenes, demokratisches System wollen, sind eingeladen, sich dementsprechend zu engagieren. Nicht zuletzt erinnert Harald Welzer an die Weimarer Republik, die bekannter Maßen nicht an zu vielen Feinden gescheitert ist, sondern daran, dass es zu wenig Sympathisanten gab (vgl. S. 120f.).

     

    Bei Amazon kaufenWelzer, Harald: Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2017. 125 S., € 8,- [D], 8,30 [A] ; ISBN 978-3-596-29915-7

     

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