Nachpopuläre Künste

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    Diedrich Diederichsen über ÄstethikUnser Geschmack ändert sich in der Dialektik von technischen Möglichkeiten, deren Vermarktung und unseren Erfahrungen. Auch die Kunstproduktion und -rezeption empfängt entscheidende Impulse aus technischen Neuerungen und deren Anwendung.
    Diedrich Diederichsen ist Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Darüber hinaus ist er seit vielen Jahren eine feste Größe in den Debatten über Populärkultur und Kunst seit. In seinem neuen Buch „Körpertreffer“ analysiert er die Entwicklung der Künste in den vergangenen Jahren und stellt dazu die These auf, dass der letzte entscheidende Bruch sich in Europa auf die 1960er-Jahre datieren lässt.
    Einst dominierten die bürgerlichen Künste. Ihnen sei es seit der Aufklärung primär um die „Einmaligkeit des mentalen Lebens ihrer Charaktere“ gegangen. Diese Einmaligkeit habe sich in der Rezeption der Adressaten als reflexiv realisierte Individualität entfaltet.
    Auf diese Phase seien die traditionellen populären Künste gefolgt, in denen dagegen „die körperliche Präsenz und Co-Präsenz von Personen in einer öffentlichen oder halböffentlichen, festlichen bis ekstatischen Live-Situation (dominiert), in deren Fokus eine trickreich-verblüffende oder erotisch-verführerische Körperlichkeit steht“. (S. 17)
    Der letzte Bruch bringt nun die „nachpopulären Künste“. Diese basieren auf der Verfügbarkeit von Aufzeichnungstechnologien. In diesen „wird das Leben des Geistes, der Individualität der bürgerlichen Seele, durch die Übertragung oder das Auslesen einer aufgezeichneten körperlichen Präsenz beschworen. Dabei wird die Seele jedoch weniger geschichtlich oder sequentiell entfaltet, sondern erscheint vielmehr so dicht, verblüffend und präsent wie der Körper, aus dem die Übertragung, das Recording sie herausholt.“ (S. 17)
    Um die These des Buches zu verstehen, muss man wissen, was der Autor mit dem Begriff „Index“ meint. „Index“ bedeutet in Diskursen wie dem Vorliegenden, dass etwas ein Anzeichen für etwas anderes ist. Das Stöhnen eines Gitarristen ins Mikrofon nach einem Solo ist ein Anzeichen für seine Verausgabung. Klar, dass in den Zeiten der Aufzeichnungstechnologien der Begriff des Indexes somit an Bedeutung gewinnt.
    Ein weiterer Schlüsselbegriff, um Diederichsen zu verstehen, ist die „Verursachung“. Damit bezeichnet er „ein Machen unterhalb oder neben aller Intentionen, bisweilen auch dagegen – also Stolpern, Kleckern, Absorbiert- oder auch Süßsein.“ (S. 10)
    „Phonographie und Photographie zeichnen nicht nur organisierte Klänge und Bilder auf, sondern immer auch ein Stück Welt. Dieses unkontrollierte und nie ganz beherrschbare Stück Welt rückt im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts ins Zentrum der Attraktivität von Kunstwerken und unterwandert dabei die subjektiven, intentionalen Pläne von Künstlern und Autoren.“ (S. 142) Unsere Aufzeichnungen, Aufnahmen, Fotographien leben gerade durch diese Verursachungen, also die ungeplanten Geschehnissen, deren Anzeichen man in den Aufzeichnungen erkennt. „Das Ereignis ist jetzt die Person per se und nicht mehr sein Können, Wollen oder Meinen – und damit womöglich etwas ganz und gar Außerkünstlerisches.“ (S. 12)
    Für den Autor fällt in den nachpopulären Künsten auch der Unterschied zwischen U und E, zwischen „hoher“ und „niedriger“ Kunst. „Bloß dreht sich nun nicht länger alles entweder um leichte Unterhaltung, Mitsingen, Tanzen, Schmunzeln und Rührung oder um Reflexivität, Katharsis und Erschütterung, sondern stets und vor allem (…) um den Index, also gleichsam um die Direktübertragung einer anderen Menschenseele vermittels der technischen Aufzeichnung ihres Körpers, zumal in dessen unwillkürlichen Momenten.“ (S. 11)
    Und auch die Vervielfältigungsmöglichkeit führt nicht zur Nivellierung. Ganz im Gegenteil. „Entscheidend für den besonderen Folgenreichtum dieser Form von künstlerischer Arbeit ist vielmehr auch das der Singularität und Kontingenz von Person und Situation gerade entgegengesetzte (Massen-)Medium, dessen standardisierter und standardisierender, vervielfältigter und vervielfältigender Rahmen die indexikal hervorgebrachte Einmaligkeit wirkungsvoll hervorhebt und verstärkt. Erst das Massenmedium schafft den einmaligen Star (…).“ (S. 14f.)
    Diese Einmaligkeit, die durch die Massenmedien mit hervorgebracht wird, unterliegt freilich einem Gegentrend. Diederichsen deswegen direkt folgend auf die soeben zitierte Feststellung: Des einmaligen Stars massenmediale Feier markiere schon eine Domestizierung dieses Effekts vom Indexikalen zum Ikonischen, „eine Vergesellschaftung vom Schock des Singulären zu einer Syntax und Systematik von Maske und Typus” (S. 15).

    Bei Amazon kaufenDiederichsen, Diedrich: Körpertreffer. Zur Ästhetik der nachpopulären Künste. Berlin: Suhrkamp, 2017. 148 S., € 17,- [D], 17,50 [A]ISBN 978-3-518-58693-8

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