Geschmack misstrauen

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    Warum gefällt uns, was uns gefällt? Diese Frage steht am Anfang des Buches von Tom Vanderbilt über „Geschmack“. Der Journalist Vanderbilt, der unter anderem für das New York Times Magazine schreibt, hat sich auf die Suche gemacht, um Antworten auf diese Frage zu finden. Am Ende des Buches hat man Erfahrungen gesammelt, die abschließende Erklärung freilich kann auch der Autor nach 300 Seiten nicht bieten.

    Dafür bietet er abschließend eine Reihe von Erkenntnissen an, „winzige Wegweiser“, wie er sie nennt. Einige Beispiele: Zum einen entscheiden wir Menschen in Millisekunden, ob uns etwas gefällt oder nicht. Das hat seinen Preis, dieser effiziente Filter sortiert oft Dinge aus, die uns bei längerer Auseinandersetzung lieb werden könnten. Wir sollten unserem instinktiven Geschmack also misstrauen. Genauso wie wir nicht übersehen dürfen, dass viele unserer Urteile in Wahrheit durch den Kontext bestimmt sind. (Der Geschmack des Weines war nur so gut, weil es ein warmer Abend am Meer war!) Manchmal ist es auch Sprachlosigkeit, die uns dazu bringt, Vorlieben nicht anzuerkennen. „Manchmal erklären wir etwas zur Vorliebe, weil es sich leichter begründen lässt als eine Abneigung oder weil die Qualitäten von dem, was uns eigentlich gefällt, schwer zu beschreiben sind.“ Damit geht auch einher, dass wir dazu neigen Dinge mehr zu mögen, die unseren Kategorien besser entsprechen. Was nicht in Schubladen passt, sortieren wir zu schnell aus.
    Im Kern freilich ist Geschmack nicht etwas, was man in sich trägt und dort „findet“. „Geschmack ‘an sich’ ist ein Märchen. Was wir für unsere ‘natürlichen’ Vorlieben halten, ist oft kulturell erworben und kommt bloß im biologischen Gewand daher.“ (S. 275) Interessanter als die Frage, was einem gefällt, sei darum die Frage, warum einem etwas gefällt, so Vanderbilt (S. 276).

    Bei Amazon kaufenVanderbilt, Tom: Geschmack. Warum wir mögen, was wir mögen. München: Hanser, 2016. 365 S., € 24,00 [D], 24,70 [A] ISBN 978-3-518-58693-8

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