Berechnende Affekte

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    Nicht nur unser Geschmack und unsere Kunst sind nur im Zusammenhang mit technischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu verstehen. Auch wann und wie wir lächeln ist nicht immer spontan, sondern gesellschaftlich notwendig determiniert. Man kann es den notwendigen Einsatz affektiven Kapitals in unseren Dienstleistungsökonomien nennen.

    „Affektives Kapital“ von Otto Penz und Birgit Sauer ist ein politikwissenschaftliches Werk, das die Ökonomisierung der Gefühle im Arbeitsleben untersucht. Die Autorin und der Autor haben beobachtet, wie Gefühle in der Arbeitswelt nicht nur nicht mehr verboten sind, sondern sogar erwartet werden. „Menschen sollen ermuntert werden, ihre Gefühle nicht mehr als ‘privat’ zu betrachten, sondern sie zu äußern, zu veröffentlichen.“ Wer keine Gefühle zeige, verliere und sei somit höchstens am Rande der neuen (Arbeits-) Welt verortet. In ihrem Buch analysieren sie diese Instrumentalisierung von Gefühlen in der Arbeitswelt und versuchen dies theoretisch zu verankern.

    Wie kam es dazu? Das Buch legt nahe, dass wir neue ökonomische, soziale und politische Verhältnisse erleben. Industriell geprägte Ökonomien wandel(te)n sich zu Dienstleistungs- und Wissensökonomien. Das hat Folgen: Arbeitsprozesse konzentrieren sich immer stärker auf immaterielle Arbeit, Dienstleistungen, die im weit überwiegenden Maße in Kommunikation mit anderen Menschen, MitarbeiterInnen oder KundInnen durchgeführt werden. Parallel dazu stellen die Autorin und der Autor fest, dass öffentliche Dienstleistungen privatisiert werden, was einen anderen Imperativ hinter die Erbringung der Dienstleistungsarbeit setzt (Kommodifizierung der Dienstleistungen). Drittens wird eine Ent- und Resolidarisierung festgestellt, wo traditionelle Formen des Zusammenhalts (wie Familie, Gewerkschaften u. a.) an Bedeutung verlieren, während neue Formen des Zusammenhelfens („Commons“) an Bedeutung gewinnen.

    „Alle drei Entwicklungen, so unsere These, lassen die Arbeitskräfte, die berufstätigen Menschen also, nicht unberührt. Viel mehr noch: Sie tragen zur Formung von Subjekten bei, die das für Dienstleistungen notwendige affektive Vermögen und die konkurrenzgeleitete (KundInnen-) Orientierungen verinnerlicht haben und dies als ihr Talent und ihre persönliche Kompetenz betrachten. Dem Gefühlsmanagement kommt dabei eine zentrale Rolle zu, erweist sich die Qualität von kund-Innenorientierter, interaktiver Dienstleistungsarbeit doch am Einfühlungsvermögen und an der Vertrauensbildung im Umgang mit Kundschaft, sodass die Subjektivierung am Arbeitsplatz und Vorstellungen von Professionalität ganz wesentlich die Gefühle tangieren.“ (S. 10f.).

    Die Entwicklung zur Nutzbarmachung des „affektiven Kapitals“ ist keineswegs an ihrem Höhepunkt angelangt. Die Prekarisierung der Arbeit und die Wiederkehr sozialer Ungleichheit fördern die Ausbeutung aller Ressourcen, also auch der Emotion.

    Penz und Sauer haben die Entwicklung durch Befragungen von MitarbeiterInnen der österreichischen Post AG abgestützt. Anhand der dortigen Erfahrungen reflektieren sie auch über die Genderverhältnisse. Die affektbezogene neue Arbeit fordere zwar die Zweigeschlechtlichkeit des Fordismus mit den traditionellen Rollenbildern heraus, weil nun auch von Männern gewöhnlich Frauen zugeschriebene Eigenschaften im Servicebereich gefordert werden. Aber dies führe nicht zu einer Auflösung der Rollen, sondern entwickle neue Formen und Hierarchien einer „hegemonialen Männlichkeit“. (S. 201)

    Beide Autoren sprechen von einem Konzept der „Affizierung“ im Anschluss an Gilles Deleuze, Brian Massumi und Arlie Hochschild. „Affizierung als Prozess denken, erlaubt es, moderne Binarisierungen zu überwinden und zugleich deutlich zu machen, dass neoliberale Herrschaft gerade auf dieser Überwindung basiert, indem ein zentrales Prinzip dieses Herrschaftsmodus die Integration der ‘ganzen Person’, ihre Geistes und ihres Körpers, in den ökonomischen Verwertungsprozess ist.“ (S. 220)

    Bei Amazon kaufenPenz, Otto; Sauer, Birgit:  Affektives Kapital. Die Ökonomisierung der Gefühle im Arbeitsleben. Frankfurt/M.: Campus-Verl., 2016. 245 S., € 34,95 [D], 36,- [A] ; ISBN 978-3-518-58693-8

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