Atlas der Umweltmigration

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    Die sich verschärfenden Konflikte aufgrund von Krieg, Gewalt, Hunger- und Naturkatastrophen führen zu einem Phänomen, das nun auch die reichen Staaten tangiert, nämlich die Zunahme der Migration. 60 Mio. Flüchtlinge weltweit schätzt UNHCR für das Jahr 2016. Die Zahl der grenzüberschreitenden MigrantInnen hat sich im Laufe der letzten 30 Jahre mehr als verdoppelt. Noch viel größer ist die Binnenmigration. Laut UN sollen weltweit 763 Mio. Menschen außerhalb ihrer Heimatregion leben. Viele davon, weil sie zuhause keine wirtschaftlichen Überlebensgrundlagen vorfinden, viele weil sie aufgrund von Krieg und Gewalt fliehen mussten, und immer mehr auch, die aufgrund von Infrastrukturgroßprojekten wie Staudämmen vertrieben werden. 15 Mio. Menschen sollen in den letzten Jahren aus diesem Grund umgesiedelt worden sein. Soweit einige Daten, die in einem „Atlas der Umweltmigration“ von einem ExpertInnen-Team – zusammengestellt wurden.

    Die AutorInnen um Diana Ioneso, Leiterin der Abteilung für Migration, Umwelt und Klimawandel der Internationalen Organisation für Migration (IOM), betonen, dass die Unterscheidung in Wirtschafts-, Umwelt- und laut Genfer Flüchtlingskonvention anerkannte Flüchtlinge der Situation nicht mehr gerecht werde. Das Problem: „Naturkatastrophen, Umweltzerstörung und Klimawandel gelten demnach nicht als Verfolgung.“ (S. 35) Natürlich gäbe es erzwungene und freiwillige Mobilität. Ob Menschen abwandern oder nicht, hänge von drei Faktoren ab: „Der Notwendigkeit, dem Wunsch und der Fähigkeit zur Migration.“ (S. 44) Daher sei auch die „erzwungene Immobilität“ zu bedenken. Es gibt Bedrohte, die es sich einfach nicht leisten können, ihre Heimat zu verlassen.

    Der Atlas bietet eine Fülle an Informationen. Unterteilt in die Abschnitte „Migration und Umweltmigration heute“, „Faktoren der Umweltmigration“, „Herausforderungen und Chancen“ sowie „Steuerungsmaßnahmen und politische Lösungen“ werden die Ursachen und Ausformungen von Flucht und Migration, die bisherigen Aktivitäten der internationalen Staatengemeinschaft sowie Lösungsansätze vorgestellt. Berichtet wird etwa von Bestrebungen, Umweltflüchtlinge im Kontext des Klimawandels besseren Schutz zu gewähren und Migration als Anpassungsmaßnahme anzuerkennen. Zudem solle der ökonomische Nutzen von Migration für die Aufnahme- wie die Ursprungsländer stärker betont werden. So machen die Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten in vielen Ländern mittlerweile 10 bis 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus.

    Der von ‚Brot für die Welt‘ und Misereor gemeinsam mit der IOM in deutscher Fassung herausgegebene Atlas ist ein profundes Nachschlagewerk über alle Aspekte von Migration. Als ein zentrales Dilemma machen die Expert-Innen aus, dass die Mehrzahl der Staaten sich weigert, verbindliche Verträge über Umweltflüchtlinge abzuschließen, sodass wohl auch in Zukunft auf freiwillige Vereinbarungen gesetzt werden müsse. Hans Holzinger

    Bei Amazon kaufenIonesco, Dina; Mokhnacheva, Daria; Gemenne, Francois: Atlas der Umweltmigration. München: oekom-Verl., 2017. 169 S., € 22,-  [D], 22,70 [A] ; ISBN 978-3-86581-837-9

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