Postwachstumsökonomie: Zwischen den Arbeitswelten

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    Nachhaltigkeit sowie ein erweiterter Arbeitsbegriff sind auch die Klammer des neuen Bandes der Reihe Forum für Verantwortung, der mit „Zwischen den Arbeitswelten“ überschrieben ist. Ein Autorenkollektiv der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) um Hans Diefenbacher, der an der Universität Heidelberg Volkswirtschaft lehrt, entwirft darin ein umfassendes Bild von Arbeit in einer Postwachstumsökonomie. Begriffsklärungen zu Arbeit und Postwachstum sowie Utopien zur Zukunft der Arbeit etwa bei Gustav Landauer, Andre Gorz, Jeremy Rifkin, dem „Mehrschichten-Modell der Arbeit“ des Club of Rome oder bei Fritjov Bergmann („New Work“) und Carsten Stahmer („Halbtagsgesellschaft“) folgen praktische Ansätze eines anderen Arbeitens. Beschrieben werden Beispiele der Selbstversorger-Landwirtschaft, die Kibbuzbewegung sowie Initiativen lokaler Ökonomie und Transition Towns.

    Im zweiten Teil der Publikation geht es um Einzelaspekte, etwa das Verhältnis von Arbeit und Eigentum sowie von Arbeit und Einkommen, die Rolle von Bildung und Qualifikation, die Unterschiede von formeller und informeller Arbeit, um Arbeitszeitmodelle und Arbeitszeitpolitik sowie schließlich um Strukturwandel durch neue (Öko-) Technologien und Digitalisierung. Referiert und reflektiert werden öffentliche Diskurse (vom Eigentumsbegriff bei Marx bis hin zu jenem der Postwachstumsökonomie) ebenso wie praktische Ansätze (Care-Ökonomie oder gewollte Teilzeit).

    Kurz eingegangen sei auf die abschließenden Em-pfehlungen, die von der These ausgehen, „dass eine Rückkehr zu dauerhaft hohen Wachstumsraten in frühentwickelten Industriegesellschaften sehr unwahrscheinlich ist“ (S. 355). Vorgeschlagen werden der „Vorrang für eine gemeinwesenorientierte Ökonomie“ (1), die vornehmlich regional und kleinbetrieblich organisiert ist; der „Vorrang für gute Arbeit“ (2), die Sinnstiftung und Arbeitsqualität vor Effizienz reiht; die „Förderung der informellen Arbeit“ (3) z. B. durch deren stärkere Einbeziehung in die sozialen Sicherungssysteme; die „Etablierung einer Vielfalt von Arbeitszeitmodellen“ (4)  u. a. durch Aufwertung von Teilzeit; die „Erprobung eines lebensphasenspezifischen Grundeinkommens“ (5), dessen Höhe mit der  Bedürftigkeit in verschiedenen Lebensphasen variieren und das in einem Modellversuch (Beispiel Finnland) für Deutschland erprobt werden soll; die „Verringerung der Ungleichheit“ (6) zumindest wieder auf das Niveau des Jahres 2000; die „Umsteuerung bei der Staatsfinanzierung“ (7) nach dem Prinzip „tax bads, not goods“. Schließlich wird die Organisierung eines gesellschaftlichen Diskurses über die Art des Wirtschaftens (8) und, damit zusammenhängend, ein „ganzheitliches Bildungssystem“ (9) gefordert.

    Der Band bietet eine ausgezeichnete Übersicht über die aktuellen Debatten und Ansätze zu einem erweiterten Verständnis von Arbeit  mit einem starken Plädoyer für ein regionales und am Gemeinwesen orientiertes Wirtschaften. Die Quintessenz Bezug nehmend auf den Titel:  „Wir befinden uns zwischen den Arbeitswelten – der Arbeitswelt eines hocheffizienten, globalisierten Kapitalismus und einer Arbeitswelt, die in gewisser Weise zu einem menschlichen Maß finden möchte.“ (S. 356) Hans Holzinger

    Bei Amazon kaufen Zwischen den Arbeitswelten. Der Übergang in die Postwachstumsgesellschaft. Hans Diefenbacher … (Mitarb.). Frankfurt/M.: Fischer, 2016. 416 S., € 13,99 [D], 14,40 [A] ; ISBN 978-3-596-03592-2

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