Zukunftskonzepte im Überblick

    Drucken

    Lucian Hölschers „Die Entdeckung der Zukunft“ ist bei Wallstein neu erschienen. Hölscher ist Professor emeritus für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum und führt uns in dem Buch durch die Historie der Zukunft: Gut lesbar, leicht nachvollziehbar, trotzdem voller Überraschungen.

    Am spannendsten ist die Geschichte der Zukunft, wenn uns Gedanken am fremdesten sind. Hölscher führt in das Denken über die Zukunft zur Zeit der Spätantike ein. Ganz anders dachte man damals und das macht klar, dass auch unser heutiges Verständnis von Zukunft nicht zwingend sein muss.  Heute stellen wir uns die Zukunft als Zeitraum vor, in den wir schreiten, der gestaltet wird. Das war für Augustinus nicht klar. Für ihn war der Zusammenhang von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem ein nur schwer aufzulösendes Problem. Denn das Vergangene „ist“ nicht mehr und das Zukünftige „ist“ noch nicht. Augustinus fragte sich, aus welchem Versteck das Zukünftige hervortritt und in welches es wieder verschwindet. Das ist für uns heute schwer zu verdauen. Es wird klarer, wenn man sich die drei Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) als voneinander getrennte Dinge vorstellt. Dann beginnt man das vor-neuzeitliche Denken zu verstehen. Das Ding „Zukunft“ ist dann schon irgendwo und „kommt auf uns zu“. Zukunft ist nie der leere Raum, es ist etwas, das sich ereignen wird. Hölscher beschreibt wie „sich das uns vertraute Raum-Zeit-Kontinuum in der europäischen Gesellschaft erst seit dem 13. Jahrhundert ausgebildet hat.“ Das Leben der Menschen wurde erst jetzt durch Zeitordnungen der Klöster, der Kirchen, der Märkte rhythmisch gegliedert (S. 26f.).

    Dieser Rhythmus ist noch lange kein „Fortschritt“. Man stellte sich dabei vor, dass sich alles irdische Geschehen im Grundsätzlichen wiederhole, nur in Einzelheiten waren Abweichungen vorgesehen. Die meisten zeitgenössischen Techniken der Zukunftsforschung stützten sich auf die feste Zuordnung sichtbarer Zeichen und auf bereits einmal auf diese Zeichen gefolgte Ereignisse: Man denke an den Vogelflug und die Witterung. Es geht um die ewige Wiederkehr des Gleichen.

    „Die Rede von der Zukunft war, so befremdlich dies für uns auch klingen mag, in den Sprachen der germanischen Kulturräume schlichtweg nicht vorgesehen.“ (S. 41) Man habe zwar über zukünftige Dinge geredet, aber es gab keine eigenständigen Zeitbegriffe. Selbst die Verbform des Futur musste, als man im Spätmittelalter begann, das Deutsche für die Ausdrucksmöglichkeiten der lateinischen Sprache aufzubereiten, erst durch die Zusammensetzung des Infinitivs mit dem Hilfsverb ‘werden’ künstlich dem Lateinischen nachgebildet werden.

    Erst im 17. Jahrhundert beginnt sich mit ersten empirischen Forschungen ein neuer Begriff der Zeit durchzusetzen. Botaniker und Geologen kamen zu Ansichten über die Zeit, die Interpretationen der Bibel widersprachen. Auch das Weltenende, das biblische Jüngste Gericht, erschien immer mehr Menschen doch nicht unmittelbar bevorzustehen. Es machte Sinn, weiter in die Zukunft zu denken. 1755 schreibt Immanuel Kant: „Die Schöpfung ist niemals vollendet. Sie hat zwar einmal angefangen, aber sie wird niemals aufhören.“ (S. 36) Mit dieser Überwindung der religiösen Horizontbegrenzung ging eine deutliche Veränderung einher. Denn wenn die Vorhersagen der Bibel entweder unzutreffend sind oder immer wieder falsch verstanden wurden, so wird die Zukunft immer unsicherer zu beschreiben. Während die Wissenschaft die Geschichte und damit die Vergangenheit immer besser erkundete, entglitt den Menschen das Wissen darüber, was kommt. Jetzt werden zukünftige Ereignisse nicht mehr als unverrückbare Tatsachen gesehen, der Humanismus erklärt die Zukunft für gestaltbar.

    Im nächsten Schritt wurde begonnen, den neu gewonnenen freien Zukunftsraum zu füllen. Langfristige Zukunftsperspektiven wurden gezimmert. 1776 zeichnete Adam Smith mit seiner „Wealth of Nations“ eine Skizze, wie die egoistischen Kräfte auf dem Markt langfristig den Reichtum der Nationen mehren würden. (S. 59) Kant sprach 1784 von einem „geheimen Mechanismus der Natur“, der dafür sorgt, dass sich die menschliche Gesellschaft dem bürgerlichen Rechtsstaat nähern müsse. Für die Politik nahm man die Begriffe der Antike wieder in Beschlag, füllte aber die Begriffe „emacipatio“ oder „representatio“ mit neuen Inhalten. Bürgerliche Zukunftspläne paarten sich oft mit nationalistischen Perspektiven und entwickelten so beachtliche Mobilisierungskraft. Auch erste früh-sozialistische Entwürfe einer perfekten Welt tauchen – bei Saint-Simon und Charles Fourier – auf.

    Die Wissenschaft schien immer mehr Instrumente zu bieten, die Zukunft zu erkennen. Auguste Comte versuchte aus der Bewegung der Vergangenheit die Zukunft zu bestimmen, Epocheneinordnungen lagen für ihn auf der Hand. Nach der „theologischen und militärischen“ Epoche, in der die Phantasie dominierte, sei die Epoche der Empirie mit Gewerbe und dem Recht gefolgt, ehe im 13. Jahrhundert sich das Prinzip der Produktion durchsetzte und seitdem auf die Durchdringung der gesamten Welt zusteuert. Statistiker wie Adolphe Quételet prognostizierten die Wahrscheinlichkeit künftiger Verbrechen aus Sozialdaten, Friedrich List sagte die Weiterentwicklung der Weltmächte durch politische Analysen mal richtig, mal falsch voraus.

    Es folgte der Boom des Zukunftsromans ab dem späten 19. Jahrhunderts mit Edward Bellamys „Looking backward” als Weltbestseller.  Damit war das 20. Jahrhundert eingeläutet, in dem sich düstere Szenarien (Oswald Spengler) und konservativer Pessimismus als Wegbereiter autoritärer Entwürfe herausstellten. Es folgten Fantasien technischer Machbarkeit, ehe diese Modelle in einer kritischen, auch ökologischen Literatur hinterfragt wurden. Zu dieser Epoche gehörte unter anderem der Bericht des Club of Rome in den frühen 70er-Jahren und auch das Werk von Robert Jungk. Mit ihm, mit Bertrand de Jouvenel und anderen kam es schließlich zu einem Wechsel der „Zukunftskultur“. Immer mehr ging es um die Generierungsformen von Zukunft und um die Frage, welcher Anspruch mit den Zukunftsbildern erhoben werde. Wie schon in der Aufklärung wurde die Bestimmtheit der Zukunft (durch Gott oder später durch erkennbare, objektive Entwicklungen) hinterfragt.

    Diese Offenheit der Zukunft hat sich aber keineswegs durchgesetzt. Nach den großen gesellschaftlichen Vorhersagen wird nun die Gestaltbarkeit durch die Menschen von anderer Seite in Frage gestellt: etwa durch die Beschäftigung mit den Limitierungen des freies Willens.

    Zukunftsforschung

    Bei Amazon kaufenHölscher, Lucian: Die Entdeckung der Zukunft. Göttingen: Wallstein, 2016. 371 S., € 28,90 [D], 29,90 [A] ; ISBN 978-3-835318052

    Related Posts

    Jugend.Stadt.Labor – Wie junge Menschen Stadt gestalten.
    Zukunft der Mobilität
    Stadt macht Zukunft

    Leave a Reply

    12 + neun =