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    Zwei wesentliche Krisenphänomene macht der US-Ökonom Michael Hudson im gegenwärtigen Finanzkapitalismus aus. Das erste bestehe in einer durch die Geldschwemme erzeugten „Vermögenspreisinflation“.  Kredite würden immer weniger für Investitionen in die Realwirtschaft vergeben, sondern für den Kauf von Immobilien, die Spekulation mit Finanzprodukten sowie den Aufkauf von Unternehmen, um diese kurzfristig auszupressen (sogenannte „feindliche Übernahmen“). All das fördere nicht mehr Wirtschaftswachstum, sondern treibe lediglich die Preise von Vermögenswerten in die Höhe (für Hudson die wahre Ursache der Hypothekenkrise des Jahres 2007, die der Autor als einer der wenigen bereits im Jahr 2006 vorhergesagt hatte). Dass Unternehmen zusehends nur mehr auf die kurzfristige Erhöhung ihrer Aktienwerte schielen (Manager erhalten ihre Boni nicht, wenn sie solide wirtschaften, sondern wenn sie hohe Renditen vorweisen können), ist für Hudson ein weiterer Grund für die künstliche Aufblähung von Vermögenswerten. Statt ins Unternehmen zu investieren sind die Manager – so zeigt der Autor – dazu übergegangen, durch aggressiven Rückkauf von Aktien deren Kurswert zu steigern.

    Würgegriff von Schulden

    Das Pendant der Vermögenspreisinflation liegt für Hudson in der „Schuldendeflation“.  Die zunehmende Verschuldung der öffentlichen wie der privaten Haushalte führe dazu, dass immer mehr Mittel für den Schuldendienst gebunden werden. Die Folge: der Konsum geht zurück, Staaten müssen ihr Eigentum, etwa öffentliche Infrastrukturen, verkaufen („privatisieren“) und die öffentlichen Ausgaben kürzen, was wiederum die Realwirtschaft schädigt. Die Folge: Bürger wie Staaten geraten immer mehr in die Abhängigkeit von Gläubigern, also den Vermögensbesitzern. Diese würden nun zur neuen Rentiers-Klasse, die von den Rückflüssen aus den Schuldtiteln lebt. Was die klassischen Ökonomen wie Adam Smith und Stuart Mill im 19. Jahrhundert forderten und auch erreichten, nämlich die Abdankung der unproduktiven Feudalklasse, mache sich nun mit der neuen Finanzoligarchie wieder breit, so die zentrale These von Hudson. Der Begriff „Neoliberalismus“ sei daher irreführend, vielmehr befänden wir uns in einer „postklassischen“ Ära, in der neue Rentiers der Wirtschaft immer mehr Substanz entziehen. Hudson ist überzeugt: „Für die Wirtschaft als Ganzes kann eine echte und nachhaltige Erholung nur dann erfolgen, wenn der Finanzsektor in seine Schranken gewiesen und daran gehindert wird, mit seiner Kurzsichtigkeit und seinem Egoismus das gesamte System zum Zusammenbruch zu bringen.“ (S. 48)

    Blasenökonomie

    An zahlreichen aktuellen wie historischen Beispielen, die bis ins antike Rom zurückreichen, zeigt der Autor auf, wie Schuldknechtschaft das Florieren der Wirtschaft zerstört (aktuelles Beispiel ist Griechenland). Da laut derzeit herrschender Lehrmeinung Schulden zur Gänze bezahlt werden müssten (was historisch nie funktioniert habe), würde der Ausweg in einer Blasen-ökonomie gesucht: durch immer neue Kredite, die Vermögenswerte künstlich in die Höhe treiben, aber zugleich auch die Schulden, würde der Ernstfall, nämlich sich einzugestehen, dass nie alle Schulden bezahlt werden können, hinausgeschoben. Zugleich weite der Finanzsektor seine politische Macht aus, um Regulierungen und Steuern in seinem Sinne zu gestalten (etwa eine niedrige Besteuerung von Immobilieneinkünften). Die zentralen politischen Auseinandersetzungen seien heute daher nicht mehr jene zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, sondern die zwischen Finanzsektor und Realwirtschaft, ist Hudson überzeugt. Doch während sich die Linke dem Universalismus verschrieben habe in der Überzeugung, so zukünftige Kriege zu verhindern, gehe es heute vor allem um den Wirtschaftskrieg des Finanzsektors gegen Staaten und deren Bürger. Der Autor plädiert dafür, Geldpolitik wieder in die Hoheit der Staaten zu verlagern, neues Geld für Realinvestitionen zur Verfügung zu stellen und nicht wie derzeit durch die Zentralbanken und deren Rettungspakete zur Bedienung von Gläubigern. Eine „gemischt öffentlich/private Wirtschaft“ ist für Hudson nicht denkbar, wenn die Staaten von den Gläubigerforderungen der Reichen abhängen. Der Finanzexperte, der selbst viele Jahre an der Wallstreet sowie als Berater gearbeitet hat, drängt heute darauf, das politische Augenmerk auf die fatale Machtverschiebung hin zum Finanzsektor zu lenken, um weiteren Krisen vorzubeugen. Hans Holzinger

    Bei Amazon kaufenHudson, Michael: Der Sektor. Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört. Stuttgart: Klett-Cotta, 2016. 670 S., € 27,70 [D], 28,50 [A] ISBN 978-3-608-94748-9

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