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    „Eigentlich wurde schon alles gesagt – aber sehr vieles noch nicht getan“, so bringt Michael Kopatz gleich zu Beginn seines Buches „Ökoroutine“ auf den Punkt, woran die Nachhaltigkeitsdebatte (nicht nur seines Erachtens) krankt. Kopatz, Projekteiter im Wuppertal Institut, redet Klartext und zeigt, dass Appelle an die Bürger und Bürgerinnen nicht reichen, sondern politische Vorgaben nötig sind. Nach dem Motto: „Strukturen für Nachhaltigkeit schaffen“. In den Blick nimmt der Sozialwissenschaftler etwa die Finanzmärkte, das auf Wachstumszwang angelegte Geldsystem, die vielen ökologisch kontraproduktiven Wirtschaftssubventionen oder die weitere Expansion der Auto- und Flughafeninfrastrukturen. Auf den Titel des Buches bezugnehmend spricht Kopatz das Gemeingut-Dilemma an, demgemäß das individuell rationale Verhalten (etwa die bequeme Nutzung des Autos) zu einem kollektiv irrationalen Ergebnis führt, ohne dass dies beabsichtigt ist: „Denn niemand sehnt den Klimawandel herbei. … Ökoroutine spricht daher über politische Werkzeuge, Gelegenheitsstrukturen, Standards und Fahrpläne, die dazu führen, dass wir tun, was wir für richtig halten.“ (S. 72.) Es sei wenig zielführend, die Abschaffung des Kapitalismus zu fordern, vielmehr gehe es darum, diesem Zügel anzulegen, so Kopatz. Das erfordere die Zurückdrängung des Lobbyismus – so kommen in Berlin 6000 Lobbyisten auf 630 Abgeordnete (S. 47) – und eine stringente Politik: „Die Befürworter der freien Marktwirtschaft sehen ihre Mission in der Begrenzung staatlicher Macht. Mit der Macht von Konzernen scheinen sie hingegen kein Problem zu haben.“ (S. 46)

    Vorschläge für Umsteuerung

    Zu allen ökologisch relevanten Lebensbereichen –  Essen, Wohnen und Kaufen sowie Mobilität und Arbeiten – macht der Autor Vorschläge für die Umsteuerung. Einige Beispiele aus dem umfangreichen Maßnahmenkatalog: Die Umsetzung einer Ernährungswende, die auf „Bio für alle“ bei entsprechenden Einkommen für alle setzt, sowie die Verordnung eines  Flächenmoratoriums, das den Wohnungsneubau begrenzt und einen Stopp des Ausbaus von Straßeninfrastruktur beinhaltet, werden ebenso gefordert wie strengere Auflagen für die Verkehrsbranche. Kopatz kann sich ein zulässiges Maximalgewicht für Autos sowie eine Limitierung des Flugverkehrs vorstellen. Für Einschränkungen plädiert er auch im Bereich Werbung. So könnte eine EU-Richtlinie bestimmen, dass nur mehr solche Autos im Fernsehen beworben werden, deren CO2-Emissionen unterhalb des Grenzwerts für den durchschnittlichen Flottenverbrauch liegen. Mit einer 5-Prozentabgabe von allen Werbungen könnte „Gegenwerbung“ (etwa für die Bahn als Verkehrsmittel) finanziert werden. Lebensstile der Begrenzung könnten auch durch Arbeitszeitverkürzungen gefördert werden, Einkommensbegrenzungen mehr Fairness bringen und der Umwelt helfen. Denn: „Mit dem Wohlstand wächst der Energieverbrauch. Die Spitzenverdiener verbrauchen im Vergleich zu den Ärmsten dreimal so viel Energie.“ (S. 241) Dabei gehe es nicht um Verzicht, als wäre die „permanente Expansion ein Menschenrecht“ (ebd.).

    Kopatz listet eine Vielzahl an vornehmlich politischen Maßnahmen auf, die „Öko“ zur Routine machen sollen. Ein Herzstück sieht er in einer Umstellung der Wirtschaftssubventionen, hier „Wirtschaftsförderung 4.0“ genannt. Unterstützt werden sollen explizit regionale Wirtschaftskreisläufe sowie gemeinwohlorientierte Unternehmen. „Citizen-Value statt Shareholder-Value“ (S. 327) lautet die Devise. Wie andere setzt Kopatz dabei auf Regionalwährungen (die angedachte Abschaffung des Bargeldes beim Euro könnte Lokalwährungen Auftrieb geben), auf nachfrage-orientierte Betriebs-Cluster, neue Unternehmensformen und die Umorientierung kommunaler Wirtschaftsförderung.

    In Summe ein Band mit zahlreichen kleinen und auch größeren Maßnahmenvorschlägen, deren Umsetzung offensiver Strategien bedürfte, die sich von Lobbys und möglichen Widerständen nicht einschüchtern lassen. Hans Holzinger

    Bei Amazon kaufenKopatz, Michael: Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. München: oekom, 2016. 412 S. € 24,95 [D], 25,70 [A] ; ISBN 978-3-86581-806-5

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