Die Kunst der Transformation

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    Auch Stefan Brunnhuber setzt in seinem Buch „Die Kunst der Transformation“ an den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts an. Er spricht von den „Big seven“: Klima, Biodiversität, Bildung, Wohlstandsunterschied, Armut, Energie und Gesundheit. Als Ökonom und Psychiater, der zudem im Club of Rome aktiv ist, möchte Brunnhuber Erkenntnisse der „Lebenswissenschaften“, etwa der Psychologie und Lernforschung, für die Bewältigung der ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen fruchtbar machen. Bildung und ein erweitertes Bewusstsein bzw. „postkonventionelles Denken“, das von „universeller Empathie“ und Wachheit getragen ist (Brunnhuber spricht von einem notwendigen „globalen Erschrecken“, S. 219) spielen dabei ebenso eine wichtige Rolle wie systemische Veränderungen. Der Autor sieht – wie Nicoll –  in der Abkehr vom Wachstumsdenken eine Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Transformation. Der zentrale Pull-Faktor liegt für ihn in der Ausweitung der globalen Mittelschicht, die sich von derzeit 1,6 Milliarden Menschen auf 4,9 Milliarden bereits im Jahr 2030 verdreifachen werde und vor allem auf die Zuwächse in Asien zurückzuführen sei (leider gibt der Autor nicht die Quelle für diese Zahlen an). Diese Entwicklung sei ambivalent. Zum einen würden Bildung, Gesundheit und bessere staatliche Infrastrukturen Gesellschaften stabilisieren, zum anderen ein deutlich höherer Ressourcenverbrauch sowie die globale Abhängigkeit von einer arbeitsteiligen und spezialisierten Wertschöpfung die Fragilität erhöhen. Ein nachhaltiger Lebensstil Einzelner bringe systemisch gesehen nichts, weil er durch den erhöhten Energie- und Naturverbrauch der vielen anderen überkompensiert wird. Neue technologische Lösungen unterlägen ebenfalls dem Rebound-Effekt, wenn sie nicht mit einer Abkehr vom Wachstumspfad gekoppelt werden.

    Brunnhuber setzt auf die Ergänzung von Effizienz durch Resilienz. Er plädiert daher für ein „komplementäres monetäres Ökosystem“ (S. 135), das aus vielen Regionalwährungen besteht und die Abhängigkeit von den Finanzmärkten reduziert. Zudem solle eine globale Komplementärwährung zur Finanzierung des Wandels im Sinne der Sustainable Development Goals geschaffen werden, entkoppelt von den Finanzmärkten, was die Geldschöpfung durch die Banken unterlaufen und zielgerichtet nachhaltige Entwicklung anstoßen würde (S. 197ff). Dieser „komplementären Geld- schöpfung“ käme die Aufgabe zu, „die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zu finanzieren, und zwar im Umfang von rund 5 Billionen US-Dollar pro Jahr“ (S. 200f.).

    Resümee: Das Buch überträgt wertvolle Erkenntnissen aus der Psychologie auf die Nachhaltigkeitsforschung – so werden mit Phänomenen wie „Dissoziation“ (Abspaltung von verdrängten Inhalten) oder „Kollusion“ (Bürger und Staat der reichen Gesellschaften verbünden sich im Sinne der Aufrechterhaltung des Status quo auf Kosten Dritter) Barrieren des Wandels aufgezeigt. Brunnhuber macht durchaus auch strukturelle Vorschläge, etwa plädiert er neben Komplementärwährungen auch für ein Grundeinkommen als Wachstumsdämpfer. An der Spitze seiner „Transfor- mationspyramide“ stehen  aber „Lebensstilmodifikationen“ wie veränderte Essgewohnheiten, angepasste Mobilität, regelmäßige Bewegung und Auszeiten (S. 248). „Intrinsische Formen der Transformation“ werden höher geschätzt als „extrinsische“ (S. 233). Offen bleibt freilich, wie der Autor sich eine Reglementierung der derzeitigen profitmaximierenden Wirtschaft, der Finanzmärkte oder multinationaler Konzerne vorstellt. Der Hinweis, dass es mit der Schuldzuschreibung an global operierende Unternehmen nicht getan sei, greift nämlich zu kurz. Hans Holzinger

    Bei Amazon kaufenBrunnhuber, Stefan: Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Freiburg: Herder, 2016. 334 S., € 24,99 [D], 25,70 [A] ; ISBN 978-3-451-60003-6

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