Die neue Völkerwanderung

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    Migration, Afrika, Flucht, EuropaWer Europa bewahren will, muss Afrika retten

    „Europa muss sich darüber klarwerden, dass es nur eine gemeinsame Zukunft geben kann – mit demokratischen Grundsätzen und einem fairen globalen Handel“ (S. 189), so der Autor eines durchaus informativen Buches. Asfa-Wossen Asserate kennt die Missstände des afrikanischen Kontinents sehr gut. Er ist Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers und lebt seit Ende der 1960er-Jahre in Deutschland. Als die Revolution das Kaiserreich Äthiopien zum blutigen Niedergang führte, war er gerade als Student in Frankfurt am Main. Er war der einzige seiner Familie, der sich in Sicherheit befand, sein Vater wurde ermordet, Geschwister und Mutter waren inhaftiert. Nun ist er unter anderem Bestseller-Autor und Afrika-Berater für deutsche Unternehmen.

    Das Buch bietet Fakten und Zahlen zu Migrationsbewegungen weltweit, der Historie des „Homo Migrans“ (S. 15), die bis sechs Millionen Jahre zurückblickt und uns erkennen lässt: Migration ist so alt wie die Menschheit selbst. Erläutert werden die unterschiedlichen Formen von Migration, von freiwilliger bis unfreiwilliger, bis hin zur Flucht aufgrund lebensbedrohlicher Ursachen wie Krieg und Verfolgung. Der Autor blickt ausführlich auf die Geschichte der Kolonialzeit zurück, beschäftigt sich mit Schwierigkeiten der Postkolonialzeit und den nicht genützten Chancen einer politischen und vor allem wirtschaftlichen Unabhängigkeit vom Westen für Staaten von A wie Angola bis Z wie Zaire.

    „Es ist Afrikas Zukunft, die den Kontinent verlässt.“ (S. 33) Afrika ist aus demographischer Perspektive ein junger Kontinent, der Altersdurchschnitt liegt unter 25 Jahre, die Alphabetisierungsrate bei ca. 70 %. Das Wirtschaftswachstum ist so hoch wie nie zuvor, 5-10 % im kontinentalen Durchschnitt. Doch die Fassade täuscht, denn die Hälfte der urbanen Bevölkerung Afrikas lebt in Slums. Den autokratisch und diktatorisch geführten Staaten fehle es an Demokratie, Oppositionen werden ausgeschlossen, BürgerInnenbewegungen und Proteste werden vom Militär, wie z.B. in Eritrea, blutig niedergeschlagen. An grundlegender Gewaltenteilung, die Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit gewähren sollte, mangelt es in den meisten afrikanischen Staaten weitestgehend. Zudem ist zu erwarten, dass die Weltbevölkerung bis 2050 von derzeit 7,4 auf 9,7 Milliarden anwachsen wird, der Großteil des Zuwachses fällt auf Afrika. Hinzukommt kommen der Klimawandel, Landgrabbing durch internationale Agrarkonzerne, Krankheiten wie Malaria oder Aids und nach wie vor Hunger (zwei von drei AfrikanerInnen würden an Hunger leiden).

    Asserate spart nicht mit Kritik am Verhalten des Westens, jedoch auch nicht an den derzeitigen Machthabern afrikanischer Staaten, die das autoritäre Erbe der Kolonialzeit rücksichtslos weiterführen würden. Nur aufgrund der Unterstützung durch den Westen konnten sich viele Machthaber halten, heute wären sie zum großen Teil Alliierte im Kampf gegen den IS. Resümierend  plädiert der Autor für einen beherzten Umgang und für eine faire wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa. Eine durchaus empfehlenswerte Lektüre für alle, die Zusammenhänge besser verstehen möchten. Dagmar Baumgartner

    Asserate, Asfa-Wossen: Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten. Berlin: Ullstein, 2016. 119 S., € 20,- [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-549-07478-7

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