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    Norbert Nicoll ist promovierter Politikwissenschaftler und lehrt an der Universität Duisburg-Essen zu Themen nachhaltiger Entwicklung. Seine Publikation „Adieu, Wachstum!“ liest sich wie ein exzellentes alternatives Wirtschaftslehrbuch, das Ökonomie in die Ökologie und (wieder) in die Gesellschaft einbettet, historische Entwicklungslinien aufzeigt und kulturelle Zusammenhänge herstellt. Nicoll geht weit zurück bis zu den Anfängen menschlichen Wirtschaftens, er zeigt die Quantensprünge der Naturbeherrschung durch die industrielle Revolution sowie durch den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus auf und beschreibt, wie diese Entwicklungen zu den heutigen multiplen Krisenphänomenen geführt haben. Die ökonomischen und sozialen Erfolge dieser Entwicklung verschweigt der Autor nicht; er zeigt aber auch die Schattenseiten. „Die große Beschleunigung“ (S. 25) stoße auf physische Grenzen (Entropie), die dominanten Wirtschaftsparadigmen Wirtschaftswachstum, Gewinnmaximierung der Unternehmen und individuelle Reichtumsvermehrung hätten die ökonomisch verträglichen Grenzen überschritten.

    Die erörterten Befunde zum Zustand des Planeten sind nicht ganz neu. Nicoll leitet diese jedoch systemisch aus dem industriell-kapitalistischen Wachstumsdogma sowie dem mechanistischen Weltbild, das der Kapitalismus mit dem realexistierenden Kommunismus gemeinsam hatte, her: „Wer Umweltverwerfungen verstehen und lösen will, kommt nicht daran vorbei, sich mit wirtschaftlichen Entwicklungen und Triebkräften zu beschäftigen.“ (S. 95) Referiert und gut erklärt werden Aspekte wie das Akkumulations- und Wachstumsprinzip im kapitalistischen Wirtschaften, der damit verbundene Expansionsdrang (neue Märkte erschließen, neue Bedürfnisse kreieren), die Kopplung des Wachstums an das fossile Energieregime sowie das Dilemma der zunehmenden Verschuldung- und Vermögensspirale.

    Das Wachstumsparadigma wird in diesem Jahrhundert nicht fortgeschrieben werden können, ist sich Nicoll mit anderen Wachstumskritikern einig. In ersten Ansätzen vorhandene Alternativwege wie eine Energie,- Mobilitäts- und Ernährungswende sowie Lebensstile der Suffizienz müssten – das sieht Nicoll wie Kopatz – durch politische Rahmensetzungen gefördert werden. Der Autor setzt auf zivilgesellschaftliche Initiativen wie die „Transition Towns“ und fordert strukturell wirkende Maßnahmen wie die Begrenzung oder gar das Verbot von Werbung (was Grenoble auf seinem Gemeindegebiet bereits umgesetzt habe) oder ein „ökologisches Grundeinkommen“, bei dem die Einnahmen aus Ökosteuern an die BürgerInnen gleichmäßig verteilt werden; im Sinne sozialer Gerechtigkeit soll es dabei eine Basisfreimenge an Strom und Gas geben, gegenfinanziert über einen höheren Preis des Mehrverbrauchs (S. 419).  Nicoll plädiert aber abschließend dazu, größer zu denken: „Jede neue gesellschaftliche Formation wächst in der alten heran. Der Kapitalismus ist nicht ewig. 99 Prozent der Geschichte der Menschheit waren nicht-kapitalistisch.“ (S. 425) Den meisten Menschen fehle freilich dieses Bewusstsein, „weil wir erst seit kurzer Zeit auf diesem Planeten zu Gast sind und noch dazu ein sehr kurzes historisches Gedächtnis haben“ (ebd.). Möglich sei ein „Zivilisationsbruch“ mit chaotischen Folgen, aber auch eine konstruktive Wende. Wie eine postkapitalistische Welt aussehen und wie sie möglich werden könnte, wäre freilich Thema eines eigenen Buches. Hans Holzinger

    Nicoll, Norbert: Adieu, Wachstum! Das Ende einer Erfolgsgeschichte. Marburg: Tectum, 2016. 431 S., € 18,95 [D], 19,40 [A] ; ISBN 978-3-8288-3736-2

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