Die Intelligenz der Evolution

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    Besprochen wird die Neuausgabe von Ray Kurzweils Bestseller „Homo S@piens“ über Zukunftsbilder zur Digitalisierung aus dem Jahr 1999.

    Um das Jahr 2099 werden wir Menschen dank Gentechnik, Nanochirurgie und weiterer medizinischer Errungenschaften unsterblich werden, so lautet eine der Prognosen von Ray Kurzweil in seinem 1999 erschienenen Bestseller „The Age of Spiritual Machines“ (Rezension in proZukunft 1/1999*35.) Bis dahin erwartet der Computerwissenschaftler, Erfinder und Bestsellerautor die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Der Mensch wird dann Software sein und unsere Existenz wird nicht mehr von der Lebensdauer unserer datenverarbeitenden Schaltungen abhängen, so der Autor. Die Prognosen von Kurzweil waren damals äußerst gewagt und vielfach im Bereich der Science-Fiction anzusiedeln, viele davon sind aber heute Realität. „Wenn Sie dieses Buch lesen, wird Ihnen die bemerkenswerte Treffsicherheit von Rays Prognosen auffallen: Das Internet der Dinge, die Entwicklung des Cloud Computing oder die Spracherkennung moderner Smartphones werden von ihm klar vorhergesagt“, so Ranga Yogeshwar in seinem Vorwort zur Neuausgabe. Für Yogeshwar hängt das zweifellos damit zusammen, dass er das Machbare auch ohne Zögern umsetzt. Und in der Tat hat Kurzweil nicht nur den Flachbettscanner erfunden, sondern auch den durch seinen Freund Stevie Wonder inspirierten Synthesizer oder eine Lesemaschine für Blinde sowie Sprach- und Texterkennungssysteme.

    Von Kurzweil hören wir keine Appelle und auch keine Mahnungen aufgrund einer ungewissen Zukunft. Er stellt aber die Frage, was vom Menschen bleibt, wenn Computer ihn überflügeln? Der Mensch werde dann, so der Autor, seine stofflichen Grenzen überwinden und sich auf Datenverarbeitungsnetzwerke übertragen. Dadurch würde die geistige Leistungsfähigkeit exponentiell gesteigert, der Mensch sich von seinen Grundübeln lossagen und selbstbestimmt in einer Art ‚Matrix‘ leben können.

    Zunächst blicken wir einmal mit Augenzwinkern auf die Vergangenheit der Prognosen Kurzweils. 1999 ist er noch vollkommen der Realität verbunden und hält fest, dass bereits zu diesem Zeitpunkt Computer eine immense und stetig wachsende Zahl unterschiedlichster Aufgaben bewältigen. So weit so gut. Im Jahr 2009 wird seiner Prognose nach ein PC für 1000 Dollar rund eine Billion Rechenoperationen pro Sekunde beherrschen. Jetzt begeben wir uns mit dem Autor bereits in die nahe Zukunft und wagen den Blick auf das Jahr 2019, dann nämlich wird ein Rechner für 1000 Dollar annähernd die Rechenleistung des menschlichen Gehirns erreichen. 2029 steigert sich diese auf etwa eintausend menschliche Gehirne. Schließlich wird das ausgehende Jahrhundert von dem Trend geprägt, das menschliche Denken mit der ursprünglich vom Menschen erschaffenen Maschinenintelligenz zu verschmelzen. Dann wird auch der Begriff Lebenserwartung für maschinen-intelligente Wesen keine Bedeutung mehr haben. Zweifellos eine atemberaubende Vision, die heute für uns noch kaum vorstellbar ist. Yogeshwar meint in seiner Einleitung, dass unser Denken der Entwicklung stets hinterher läuft, egal, ob es sich um die digitale Revolution oder um biochemisches Neuland handelt. „Wir kommentieren und kritisieren das Neue, anstatt es bereits in seiner Entstehungsphase zu formen.“ (S. 16) Nicht zuletzt deshalb ist dieses Buch auch heute noch von besonderer Aktualität. Alfred Auer

    Bei Amazon kaufenKurzweil, Ray: Die Intelligenz der Evolution. Wenn Mensch und Computer verschmelzen. Vorwort von Ranga Yogeshwar. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016. 510 S., € 12,99 [D], 13,40 [A] ; ISBN 978-3-462-04942-8

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