Kultur der Digitalität – eine Welt der Überwachung?

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    DigitalitätDigitalität: Unser Handeln bestimmt, ob wir in einer postdemokratischen Welt der Überwachung und der Wissensmonopole oder in einer Kultur der Commons und der Partizipation leben werden. So sieht es Felix Stalder, Professor für digitale Kultur an der Züricher Hochschule der Künste. Diese Kultur, ist er überzeugt, „ist die Folge eines weitreichenden, unumkehrbaren gesellschaftlichen Wandels, dessen Anfänge teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen“(S. 10f.). Die charakteristischen Formen dieser Kultur sind nach Ansicht des Autors Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Dazu etwas später.

    Historische Bezüge

    Der Experte skizziert zunächst langfristige, irreversible historische Prozesse, beginnend beim Aufstieg der Wissensökonomie Ende des 19. Jahrhunderts. Von hier aus spannt er den Bogen von der zunehmenden „Kulturalisierung der Ökonomie“ mit Design als „kreativer Generaldisziplin“ bis hin zur „Technologisierung der Kultur“, in der „Medien als Lebenswelten“ fungieren. Für Stalder nehmen langfristig relevante Entwicklungen erst dann konkrete Formen an, wenn sich digitale Infrastrukturen und die durch sie in den Mainstream gebrachten Praktiken im Alltag breitgemacht haben. „Kommunikationsmittel werden erst dann sozial interessant, wenn sie technisch langweilig werden.“ (S. 20)

    Wie bereits erwähnt, ist die Kultur der Digitalität durch Referentialität charakterisiert, also durch die Nutzung bestehenden kulturellen Materials für die eigene Produktion; zweitens durch Gemeinschaftlichkeit, denn nur über einen kollektiv getragenen Referenzrahmen können Bedeutungen stabilisiert, Handlungsoptionen generiert und Ressourcen zugänglich gemacht werden; und schließlich drittens durch Algorithmizität, geprägt durch automatisierte Entscheidungsverfahren, die den Informationsüberfluss reduzieren und formen, „so dass sich aus den von Maschinen produzierten Datenmengen Informationen gewinnen lassen, die der menschlichen Wahrnehmung zugänglich sind und zu Grundlagen des singulären und gemeinschaftlichen Handelns werden können“ (S. 13).

    Im dritten Abschnitt versucht sich Stalder an einer politischen Einordnung des Themas. Dabei werden zwei bereits weit fortgeschrittene politische Tendenzen kontrastiert: Postdemokratie und Commons. Als „postdemokratisch“ bezeichnet der Autor all jene Entwicklungen, „die zwar die Beteiligungsmöglichkeiten bewahren oder gar neue schaffen, zugleich aber Entscheidungskapazitäten auf Ebenen stärken, auf denen Mitbestimmung ausgeschlossen ist“ (S. 209). Als Beispiele nennt der Autor „Facebook und andere Betreiber kommerzieller sozialer Massenmedien“. Durch technische, organisatorische und rechtliche Maßnahmen seien hier Strukturen geschaffen worden, „in denen die Ebene, auf der die Nutzer miteinander interagieren, vollständig getrennt ist von jener Ebene, auf der die wesentlichen die Gemeinschaft der User betreffenden Entscheidungen gefällt werden“ (S. 215f.).

    Commons

    In den Commons, wie sie sich in Open-Source-Software und Projekten wie Open Data zeigen, sieht Stalder das Potenzial für „eine radikale Erneuerung der Demokratie durch die Ausweitung der Beteiligung an kollektiven Entscheidungen“ (S. 205). Dabei handelt es sich um kommunikationsintensive und horizontale Prozesse, bei denen das Erzielen von Konsens und die freiwillige Akzeptanz der ausgehandelten Regeln im Vordergrund stehen (vgl. S. 248). Unzählige Beispiele von städtischen Infrastrukturen als Commons (Bürgernetze) über OpenStreetMap (OSM) bis hin zum Debian-Projekt (ein Zusammenschluss von Einzelpersonen, die gemeinschaftlich ein freies Betriebssystem entwickeln) werden genannt.

    Insgesamt zeigt Stalder eindrucksvoll, dass die rasanten Veränderungen in ihren konkreten gesellschaftlichen Ausformungen keinesfalls alternativlos sind. Dabei geht es einmal mehr um die Frage, in welcher Welt wir leben wollen und auf welche Ziele die vorhandenen Potenziale ausgerichtet werden sollen. Alfred Auer

    Bei Amazon kaufenStalder, Felix: Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp, 2016. 282 S., € 18,- [D], 18,50 [A]
    ISBN 978-3-518-12679-0

     

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