Europa neu denken

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Nicht neu erfinden sondern „Europa neu denken“ ist der Titel eines Bandes, der auf die zweite Tagung mit gleichem Titel zurückgeht, zu der sich in Triest VertreterInnen Italiens, Kroatiens, Sloweniens und Österreichs zum Gedankenaustausch über die europäischen Regionen als wesentliche „Zivilisationsagenturen“ trafen. Über 30 AutorInnen kamen zu Wort und debattierten über Ansprüche an und Erfahrungen mit Europa. Und wieder einmal steht die Frage im Raum, welches Europa wir eigentlich wollen? Weshalb können wir Europa nicht als unsere Heimat empfinden und was bedeutet Heimat in diesem Zusammenhang?

Es gilt – darauf weist EU-Kommissar Johannes Hahn hin –, Europa nicht nur neu zu denken, sondern auch neu zu praktizieren. Er streicht insbesondere das in diesem Zusammenhang strapazierte Prinzip der Subsidiarität heraus, wonach „nur jene Dinge, die aufgrund notwendiger Koordination und Kooperation einer höheren Ebene bedürfen, auf diese Ebene übertragen werden sollen“ (S. 21).

Tiefgründiger nähert sich der kürzlich verstorbene Initiator der Veranstaltung und Verantwortliche für das wissenschaftliche Programm, Michael Fischer, dem Thema. Er fragt, ob der „vertraute Raum – Heimat, Ort, Region –, diese hochemotionalen Sinnkonstrukte, wirklich von der Auflösung bedroht sind?“ (S. 23) Die hohe Bewertung des Begriffs Heimat im Sinne der Rückbesinnung auf Herkunft als geografischen Raum werde, so der viele Jahre an der Universität Salzburg wirkende Zukunftsdenker, freilich dort für Europa politisch prekär, wo sie dazu auffordert, „die Welt der großen Politik und der großen Strukturen zu verlassen. Small ist beautiful statt Europa als Einheit“ (S. 24). „Verantwortungsvolle Politik darf weder den Menschen in seiner Individualität ignorieren noch die ökonomischen und kulturellen Räume, in denen er sich bewegt.“ (S. 26) Neben der Sehnsucht nach Vertrautheit, nach romantischen Naturerlebnissen oder nach Eventisierung wachse der Wunsch nach kultureller Aneignung und Kompetenz, meinte Fischer. „Dies wird in vielfältigen Bereichen wie der Kunst, den Sprachformen, der Musik und ihrer Ausdruckskraft oder in unserem alltäglichen Lebensstil deutlich. Die Menschen wollen mit ihrem Interesse die Zeit sammeln und nicht bloß vertreiben, den Augenblick dicht füllen und nicht austauschbar vorübergehen lassen.“ (S. 16)

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, den facettenreichen Gedanken der zahlreichen Autorinnen und Autoren auch nur annähernd gerecht zu werden. Das Spektrum der Originalbeiträge thematisiert die mögliche Rolle der Künste (Festspiele als Antwort auf den Ersten Weltkrieg), der Kulturpolitik, der Dialektik von Tradition und Innovation, die Bedeutung von Erzählungen, Sprachen, europäischen Lebenswelten und von Räumen politischer Mitbestimmung in verfassungsrechtlicher Sicht.

Reinhard Kacianka, Kultur- und Kommunikationswissenschaftler, lässt den Kulturpessimisten Oswald Spengler zu Wort kommen, der vor beinahe 100 Jahren die unsere Zeit prägende Vorherrschaft der Massenmedien und des Geldes vorhersah, indem er von einem „Trommelfeuer von Sätzen, Schlagworten, Standpunkten, Szenen, Gefühlen, Tag für Tag, Jahr für Jahr“ sprach, das „jedes Ich zur bloßen Funktion eines ungeheuren geistigen Etwas“ werden lässt (S. 163.).  Für Kacianka bedeutet „Europa neu denken“, die „kulturelle Vielfalt zu hegen und zu pflegen, die der Ungleichzeitigkeit Europas und der daher rührenden Heterogenität geschuldet ist“ (S. 166). Europa müsse ein Kontinent nicht nur der Werte, sondern vor allerm auch der Wertevielfalt sein und nicht eines der ökonomisch-systemischen Homogenisierung. Alfred Auer

 

 Herzog, Roman: Europa neu erfinden. Vom Überstaat zur Bürgerdemokratie. München: Siedler, 2014. 154 S., € 17,99 [D], 18,50 [A], sFr 24,30 ; ISBN 978-3-8275-0046-5

 Europa neu denken. Regionen als Ressource. Hrsg. v. Michael Fischer u. Johannes Hahn. Salzburg: Pustet, 2014. 319 S., € 24,-, sFr 36,- ; ISBN 978-3-7025-0739-8

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